Der Herbstfeldzug des Jahres 1813 war der letzte Waffengang, in der württembergische Truppen auf der Seite Napoleons kämpften. Nach dem Bündniswechsel König Friedrichs in den Wochen nach der Völkerschlacht bei Leipzig nahmen neu aufgestellte schwäbische Regimenter unter dem Kommando von Kronprinz Friedrich Wilhelm am Frühjahrsfeldzug in Frankreich teil. Unter anderem waren sie an den Schlachten von La Rothiere, Montereau, Arcis-sur-Aube und Fere-Champenoise beteiligt. Unter den alliierten Truppen, die am 31. März in die französische Hauptstadt Paris einzogen, befanden sich auch zwei württembergische Infanteriebataillone.
4. Selbstzeugnisse württembergischer Kriegsteilnehmer
Aus dem frühen 19. Jahrhundert ist eine deutlich größere Zahl an soldatischen Selbstzeugnissen (v. a. Briefe, Tagebücher, Erinnerungen) überliefert als aus früheren Epochen der europäischen Geschichte.{90} Dies hat viele Gründe.{91} Ein wichtiger Faktor war, dass durch die lange Dauer der französischen Revolutionskriege und der napoleonischen Kriege die Zahl der Militärangehörigen stark angestiegen war. Daneben spielte eine Rolle, dass sich in vielen Staaten in der Zeit um 1800 die soziale Zusammensetzung der Heere verändert hatte. Die Einführung der „levée en masse“ in Frankreich im Jahr 1793 und die Verbreitung der Konskription in den französisch dominierten Teilen Europas bedingten, dass in größerer Zahl Bürgerliche Militärdienst leisteten. Viele von diesen neigten — nicht zuletzt aufgrund ihres zum Teil exzellenten Bildungshintergrunds — dazu, ihre Soldatenzeit sowie die Kriegsereignisse, an denen sie teilnahmen, intensiv zu reflektieren.
Die soldatischen Selbstzeugnisse des frühen 19. Jahrhunderts können in zwei Gruppen geschieden werden: die zeitgenössischen Dokumente und diejenigen, die erst nach den Kriegsereignissen, in der Regel nach dem Ende der napoleonischen Epoche, entstanden sind. Die Zahl der zeitgenössischen Aufzeichnungen ist insgesamt geringer als die Zahl der später angefertigten Texte. Die autobiografischen Dokumente von Militärangehörigen sind wie alle Selbstzeugnisse als „Ich-Konstruktionen“ (Rutz) zu verstehen.{92} Persönliche Kriegserfahrungen sind in diesen Quellen in medial vermittelter Form greifbar.{93} Die wissenschaftliche Auswertung der Selbstzeugnisse von Soldaten, die an den Kriegen um 1800 teilgenommen haben, wirft zum Teil gravierende methodische Probleme auf. Dies gilt besonders für diejenigen Dokumente, die längere Zeit nach den geschilderten Geschehnissen entstanden sind. Bei diesen Aufzeichnungen kam es häufig zu Umdeutungen von Kriegserfahrungen durch den jeweiligen Verfasser. Wissenschaftliche Editionen von Erinnerungswerken sowie quellenkundliche Analysen liegen nur in sehr geringer Zahl vor.{94}
Auffallend viele soldatische Selbstzeugnisse, welche die Zeit der Revolutionskriege oder der napoleonischen Kriege zum Gegenstand haben, beziehen sich ausschließlich oder zum Teil auf den französischen Feldzug gegen Russland im Jahr 1812.{95} Bei diesen Dokumenten handelt es sich ebenfalls mehrheitlich um Werke, die nach 1815 entstanden sind. Zu den Selbstzeugnissen zum Russlandfeldzug Napoleons zählen neben textlichen Kriegserinnerungen auch Zeichnungen und Gemälde, welche die kriegerischen Ereignisse vergegenwärtigen. Zahlreiche autobiografische Dokumente, vor allem Kriegsmemoiren, wurden im Verlauf der vergangenen zwei Jahrhunderte ganz oder in Teilen veröffentlicht. Doch befinden sich immer noch unpublizierte Aufzeichnungen in Archiven, in Bibliotheken oder im privaten Besitz.
Unter den Selbstzeugnissen deutscher Soldaten und Offiziere, die im Jahr 1812 in Napoleons Grande Armée Dienst leisteten, nehmen die Erinnerungswerke von Württembergern eine wichtige Rolle ein.{96} Eine herausragende Bedeutung für die visuelle Vergegenwärtigung des Feldzugs gegen das Zarenreich erlangten die Aquarelle und Zeichnungen von Christian Wilhelm von Faber du Faur (1780—1857).{97} Diese bildlichen Darstellungen wurden weltweit rezipiert und sind in nahezu allen Publikationen über die französische Invasion nach Russland wiedergegeben. Daneben haben aber auch zahlreiche Kriegserinnerungen schwäbischer Militärangehöriger die Aufmerksamkeit der nationalen und internationalen Forschung auf sich gezogen. Zu nennen sind insbesondere die Memoiren von Christian von Martens, Heinrich von Roos, Karl von Suckow und Jakob Walter. Auszüge aus diesen Werken fanden Eingang sowohl in Quellensammlungen als auch in historiografische Darstellungen.{98}
Von insgesamt 25 württembergischen Teilnehmern am Feldzug von 1812 sind Kriegserinnerungen in Textform überliefert. Interessant ist ein Blick auf das biografische Profil der Memoirenschreiber. 17 der 25 Autoren waren Offiziere. In Schwaben griffen überwiegend junge, zumeist zwischen 1785 und 1793 geborene Offiziere (Seconde- und Premierleutnante, Hauptleute) zur Feder und hielten ihre Erinnerungen an den französischrussischen Krieg fest. Die württembergischen Verfasser von Kriegsmemoiren waren mehrheitlich bürgerlicher Herkunft, erlangten aber in der Regel — durch militärischen Aufstieg bzw. durch Ordensverleihung — die Nobili- tierung.{99} Mindestens 14 Autoren stammten aus Altwürttemberg, also aus dem Gebiet des Herzogtums in den Grenzen von 1802. Die überwältigende Mehrheit der Veteranen, die Erinnerungen hinterließen, gehörte der evangelischen Konfession an: Lediglich vier Personen waren katholisch. Memoiren sind in Württemberg von Soldaten aller Waffengattungen überliefert: 17 der 24 Autoren, deren Einheit bekannt ist, dienten in einer Infanterieformation (darunter zwei Ärzte), sechs bei der Kavallerie (darunter drei Ärzte), einer bei der Artillerie. Auffallend ist, dass viele württembergische Autoren von Kriegserinnerungen im Lauf ihrer militärischen Karriere, die sie zum Teil nach 1815 fortsetzten, hohe Auszeichnungen erlangten. Für insgesamt 15 Autoren lässt sich eine Verleihung des württembergischen Militärverdienstordens nachweisen, an drei Ärzte, die Erinnerungswerke verfassten, verlieh König Friedrich den Zivilverdienstorden. Fünf Autoren waren Ritter, zwei sogar Offiziere der französischen Ehrenlegion.
Die zeitliche Abfolge, in der die Memorialwerke der Württemberger über den Feldzug Napoleons gegen Russland 1812 entstanden, weist ein markantes Profil auf. Insgesamt vier Erinnerungstexte wurden in den Jahren unmittelbar nach dem Sturz des französischen Kaisers verfasst. Weitere Werke, insgesamt fünf, entstanden in den ausgehenden 1820er- und in den 1830er-Jahren bzw. wurden in dieser Zeit vollendet. Die Niederschrift dieser Memoiren fällt in eine Zeit, in der sowohl der Russlandfeldzug Napoleons als auch die sogenannten „Befreiungskriege“ in der württembergischen Erinnerungskultur eine zunehmende Bedeutung erlangten: Die früheren Kriegsteilnehmer organisierten sich seit Mitte der 1820er-Jahre in Veteranenbruderschaften, später auch in Vereinen, 1830 und 1837 fanden Veteranentreffen statt und nicht zuletzt erschienen seit 1831 die Aquarelle und Zeichnungen von Christian Wilhelm von Faber du Faur im Druck.{100} Zu den Kriegserinnerungen, deren Niederschrift in die Zeit um 1830 fiel, zählt unter anderem der bedeutende Text von Heinrich von Roos, eines württembergischen Arztes, der 1812 in Kriegsgefangenschaft geraten und anschließend in Russland verblieben war.{101} Stellten die 1830er-Jahre eine Phase intensiven Erinnerns an die Kriege der napoleonischen Zeit dar, so gilt dies weniger für das folgende Jahrzehnt. In den 1840er-Jahren wurde dementsprechend in Württemberg lediglich ein Erinnerungswerk an den Feldzug von 1812 publiziert.{102} Hingegen verfassten in den 1850er-Jahren und zu Beginn der 1860er-Jahre neun württembergische Veteranen ihre Texte bzw. überarbeiteten in dieser Zeit früher erstellte Textfassungen. Die Autoren, die etwa vierzig Jahre nach dem Ende des Premier Empire ihre Memoiren zu Papier brachten, waren primär von einem persönlichen Interesse geleitet. Sie blickten nach dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn auf einen bedeutenden Abschnitt ihres Lebens zurück und zielten darauf ab, ihre Erfahrungen der Nachwelt zu übermitteln.
Über die Schreibpraxis der württembergischen Autoren von Kriegs- memoiren liegen nur fragmentarische Informationen vor. Die meisten Veteranen des Feldzugs von 1812 dürften ihre Darstellung auf der Grundläge von Aufzeichnungen verfasst haben, die sie im Feld angefertigt hatten. Diese Materialien sind in der Regel nicht überliefert. Bei der Ausarbeitung der — zumeist wenig detaillierten — originalen Notizen zu ausführlichen Kriegsmemoiren schöpfte die Mehrzahl der Autoren in erster Linie aus der persönlichen Erinnerung. In verschiedenen Fällen benutzten die Veteranen bei der Niederschrift von Memorialwerken die vorhandene historiografische Literatur, die Berichte anderer Felzugsteilnehmer sowie, in seltenen Fällen, amtliche Dokumente. Nur von wenigen Soldaten, die über ihre Kriegserfahrungen in den Jahren 1812 bis 1814 berichteten, sind mindestens zwei Textzeugen erhalten; in diesen Fällen lässt sich die Entstehung der jeweiligen Memoiren etwas konkreter nachvollziehen.{103}
Die überlieferten Erinnerungswerke württembergischer Soldaten unterscheiden sich in Form und Inhalt stark. So beziehen sich die Memoiren auf unterschiedliche Zeitspannen. Zum Teil handelt es sich um Autobiografien, die das gesamte Leben des Autors behandeln, zum Teil wird nur ein bestimmter Lebensabschnitt, zum Beispiel die Teilnahme an einem Feldzug, thematisiert. Einige Memoiren sind als Erzählung, andere in der Tagebuchform der originalen Aufzeichnungen verfasst. Die subjektive Perspektive des autobiografischen Berichts ist in den Erinnerungswerken unterschiedlich stark ausgeprägt. In einigen Werken wird sie durch eine Schilderung des allgemeinen Kriegsverlaufs ergänzt. Grundlegend verschieden ist auch der intellektuelle Anspruch der Texte. Während viele Memoiren primär eine Chronologie der Kriegsereignisse bieten, bemühen sich einige Autoren erkennbar um eine gedankliche Durchdringung und Analyse ihrer individuellen Erfahrungen. Schließlich differiert auch das sprachlich-stilistische Niveau der Memoiren enorm.