Einführung persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen im Krieg und drittens, wie bereits angedeutet, über seine Wahrnehmung der Landschaften, die er während seiner Feldzüge kennengelernt hatte, sowie ihrer Bewohner. Auch wenn Vossler die Ereignisse der Jahre 1812 bis 1814 durchweg aus seiner eigenen Perspektive schildert, gibt er nur selten Einblick in sein Inneres. Stattdessen steht die Schilderung der äußeren Erlebnisse im Mittelpunkt.
Heinrich von Vossler erscheint in seinen Memoiren insgesamt als ein nüchterner Beobachter des Kriegsgeschehens. Sichtlich ist der württembergische Veteran darum bemüht, ein authentisches, unvoreingenommenes Bild der dramatischen Ereignisse zu zeichnen, die er als gut 20jähriger Offizier auf den Schlachtfeldern Europas erlebt hatte. Vossler verzichtet in seinen Aufzeichnungen darauf, das militärische Geschehen der napoleonischen Zeit in der Rückschau in einen — wie auch immer gearteten — „ideologischen“ Bezugsrahmen einzubetten. Bewertungen der vergangenen Ereignisse werden in der Regel nicht aus einer bestimmten Weitsicht, sondern aus dem eigenen, durchaus als komplex und widersprüchlich erinnerten Kriegserleben abgeleitet. Vossler gelangt auf diese Weise vielfach zu differenzierten Urteilen über einzelne Gegebenheiten, Personen und Personengruppen. Beispielsweise werden Napoleons Generale zum Teil kritisch gesehen, zum Teil erscheinen sie aber auch als echte soldatische und menschliche Vorbilder. Eine nachträgliche Verklärung seines Kriegseinsatzes liegt Vossler fern. Im Gegenteil: Vieles spricht für die Vermutung, dass der Autor in seinen Memoiren bewusst seine jugendlichen Irrtümer zu dokumentieren beabsichtigte. Vossler schildert eindrücklich, dass die Begeisterung, mit der er und seine Kameraden 1812 in den Krieg gezogen waren, dass der Wunsch, Ruhm und Ehre zu erwerben und in der militärischen Hierarchie aufzusteigen, sich in der Realität des Krieges als Trugbilder entpuppt und in die Katastrophe geführt hatten.
Ungeachtet allen Bemühens um „Objektivität“, das als wichtiger Grundzug der Kriegserinnerungen Heinrich von Vosslers hervorgehoben werden kann, ist der Text des Württembergers nicht frei von einseitigen oder pauschalen Urteilen. Zumeist muss die Frage offenbleiben, inwieweit entsprechende Bewertungen die Anschauungen Vosslers in den Jahren 1828/29 oder bereits seine Sichtweise während seiner Soldatenzeit zum Ausdruck bringen. Unausgewogene Werturteile im Text des Tuttlinger Veterans haben zwei Wurzeln. Zum einen sind die Kriegserfahrungen Vosslers (und seine spätere Erinnerung daran) maßgeblich von vorgängigen Deutungsmustern und Wertvorstellungen bestimmt, die der Sozialisation des Autors in Württemberg geschuldet sind. Diese Dispositionen stehen bisweilen dem Bemühen um eine unvoreingenommene Darstellung entgegen. Der schwäbische Offizier war beispielsweise geprägt von einem deutlichen Antiklerikalismus, vor allem Antikatholizismus, der bei der Schilderung des Durchzugs durch Polen erkennbar wird und der vor seinem familiären Hintergrund beachtenswert ist. Auch das Selbstverständnis des Württembergers, als Vertreter einer fortschrittlichen Zivilisation und eines materiell gut gestellten Landes gegen rückständige Völker in den Krieg zu ziehen, dürfte — zumindest zum Teil — zu diesen vorgängigen Prägungen zu rechnen sein. Zum anderen zielt Vossler in einigen Passagen seiner Memoiren offenkundig darauf ab, generalisierende bzw. typologisierende Feststellungen zu treffen. Dieses Bestreben führt dazu, dass er die Komplexität seiner Kriegserfahrungen nicht mehr adäquat wiedergibt. Beispiele für verallgemeinernde und gleichzeitig einseitig wertende Darstellungsweisen Vosslers stellen seine Ausführungen über die einzelnen Völker und Kulturen Ostmittel- und Osteuropas dar. Harschen Urteilen des württembergischen Offiziers über die Brandenburger, die Westpreußen und insbesondere über die Polen steht im Bericht schroff eine hohe Wertschätzung der Sachsen und der Ostpreußen gegenüber. Russland erscheint in den Aufzeichnungen Vosslers als rückständiges Land, doch begegnet der Schwabe dem Kriegsgegner mit Achtung. Vor allem von Polen, dem Verbündeten Frankreichs, hebt sich Russland in den Memoiren Vosslers vorteilhaft ab. Die Sicht der ostmittel- und osteuropäischen Juden ist negativ.
Heinrich von Vosslers Sprache ist klar und unprätentiös. Sie weist in Wortschatz und Syntax eine dialektale — schwäbisch-alemannische — Färbung auf. Diese ist jedoch nicht allzu stark. Phonologische Besonderheiten gegenüber der heutigen Hochsprache zeigen sich beispielsweise in der Rundung des „i“ zu „ü“ (z. B. „Erzgebürge“, „Sprüchwort“) oder — vergleichsweise häufig — in hyperkorrekten Schreibweisen (z. B. „bergigt“ statt „bergig“, „waldigt“ statt „waldig“, „löchericht“ statt „löch(e)rig“, „hügelicht“ statt „hügelig“). Morphologische Spezifika treten unter anderem in der Pluralbildung (z. B. „Rasttäge“ statt „Rasttage“, „Wägen“ statt „Wagen“, „Böten“ statt „Booten“) zu Tage. Entsprechend dem Usus seiner Zeit verwendet Vossler zahlreiche, im heutigen Deutsch vielfach nicht mehr gebräuchliche Fremdwörter, die in der Mehrzahl aus der französischen Sprache übernommen bzw. aus ihr abgeleitet sind (z. B. Defileen, Meubles, Soupes, militärisches Fachvokabular). Aber auch Begrifflichkeiten und Ableitungen aus dem Lateinischen (z. B. Subordination, Prästationen, Dissidien, insultieren) sowie in Ausnahmefällen aus der italienischen Sprache (z. B. Agio) finden sich im Text. Ferner enthält das Manuskript einige Begrifflichkeiten zum Teil schwäbisch-alemannischen Ursprungs, die heute veraltet sind (z. B. Anglen, Fährlichkeiten, Nervenfieber). Vosslers Text weist insgesamt nicht allzu viele grammatikalische Fehler auf. Mehrere Male stimmen der Numerus von Substantiv und dazugehörigem Verb nicht überein. Die Rechtschreibung, die im frühen 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum noch nicht normiert war, wird in den Texten Vosslers nicht immer konsequent und nach einheitlichen Prinzipien angewandt. Beispielsweise ist die Verwendung von s, ss und ß nicht stimmig. Auch die Schreibweise der ostmitteleuropäischen und osteuropäischen Ortsnamen variiert. Die Interpunktion ist häufig sinnwidrig.
Ob Heinrich von Vossler eine Publikation seiner ausgearbeiteten Kriegs- erinnerungen beabsichtigt oder zumindest in Erwägung gezogen hat, ist unbekannt. Ebenso wenig sind Gründe überliefert, die ihn gegebenenfalls von einer Veröffentlichung abgehalten haben könnten. Wie bereits erwähnt, sind Vosslers Aufzeichnungen bei Weitem nicht die einzigen Memoiren eines württembergischen Veterans der napoleonischen Zeit, die nicht zu Lebzeiten des Autors publiziert wurden.
Bemerkenswert ist die Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte der Aufzeichnungen Heinrich von Vosslers nach dessen Tod im Jahr 1848. Tagebuch und Kriegsmemoiren, die der württembergische Veteran in einem Band zusammenfasste, gelangten im 19. Jahrhundert nach Virginia (USA). Vermutlich hat sie Vosslers Sohn Emil Gustav (geb. 1835), der 1855 aus Württemberg emigrierte, dorthin gebracht.{140} Nachdem die Texte etwa einhundert Jahre unbeachtet blieben, unternahm um 1960 der damalige Assistant Professor John T. Amendt aus Long Beach einen ersten Versuch, die Erinnerungen in englischer Sprache herauszugeben.{141} Dieses Übersetzungsprojekt scheiterte. Die Manuskripte wurden anschließend vom Verlag Folio Fine Art Ltd. (London) bei einer Auktion erworben. Der Verlag beabsichtigte eine rasche Publikation des Textes in englischer Sprache. Für das Editionsvorhaben wurde Walter Wallich gewonnen, der eine Übersetzung der Erinnerungen Vosslers anfertigte. Sie erschien 1969 im Verlag The Folio Society.{142} Das Tagebuch blieb unpubliziert. Wallich stellte seiner Übersetzung eine kurze Einführung voran, in der er unter anderem Informationen verarbeitete, die er von Hermann Streng, Museumsleiter in Tuttlingen, sowie Archivaren des Hauptstaatsarchivs Stuttgart erhalten hatte. Die Aufzeichnungen Vosslers wurden nach erfolgter Publikation des englischen Textes der Stadt Tuttlingen, dem Landkreis Tuttlingen sowie dem Hauptstaatsarchiv Stuttgart zum Kauf angeboten. Der Erwerb kam wegen des von den deutschen Kulturinstitutionen als sehr hoch erachteten Kaufpreises nicht zustande. Wallich übergab jedoch eine Reproduktion des Manuskripts an das Heimatmuseum
Tuttlingen; für das Hauptstaatsarchiv Stuttgart wurde hiervon eine zweite Kopie angefertigt.{143} Nachdem der Verkauf nach Deutschland gescheitert war, erwarb der niederländische Mediziner, Jurist und Sammler historischer Dokumente Baron Cornelius Verheyden de Lancey (1889—1984) den Band Vosslers. Im Jahr 1994, wenige Monate nach dem Tod der Witwe Verheyden de Lanceys, Henrietta, im September 1993, wurde das Manuskript wiederum zum Verkauf angeboten. Das Hauptstaatsarchiv Stuttgart konnte die Aufzeichnungen bei einer Auktion der Autografenhandlung J. A. Stargardt (Berlin) am 3./4. März 1994 käuflich erwerben. Wenige Jahre nach dem Kauf des Originalmanuskripts durch das Hauptstaatsarchiv und fast dreißig Jahre nach der Erstausgabe einer englischen Übersetzung erschien im Jahr 1998 eine Neuausgabe des Textes Wallichs.{144} Die englische Ausgabe diente ihrerseits als Grundlage für eine italienische Übertragung der Kriegserinnerungen, die 2009 vom Verlag Chillemi publiziert wurde.{145} Bereits 2008 war eine französische Übersetzung erschienen.{146} Die Memoiren Heinrich Vosslers liegen demnach bis dato in englischer, französischer und italienischer Übersetzung, merkwürdigerweise jedoch nicht in der deutschen Originalsprache im Druck vor. Das Tagebuch ist noch nicht veröffentlicht worden. Die 1969 und 1998 publizierte englische Textversion wurde in der internationalen Forschung in verschiedenen historiografischen Darstellungen rezipiert, so etwa im Werk von Adam Zamoyski.