Erstes Capitel: Wiedererrichtung des Jäger Regiments Herzog Louis. Garnison in Winnenden und Eßlingen. Mein Gesundheits-Zustand. Marsch in das Hohenlohesche.
Zweytes Capitel: Abmarsch aus dem Vaterlande. Marsch durch das Würzburgische, durch Thüringen nach Sachsen bis Lützen. Land und Volk auf dem Striche von Würtemberg bis hieher. Vorsichtsmaasregeln in den Quartieren auf dem Marsche. Begegnung von Franzosen bey Naumburg. Schlachtfeld von Lützen. Vereinigung mit dem vierten französischen Armeecorps. Verfolgung der Blücher‘sehen Armee durch das Altenburgische auf das Erzgebirge. Marsch nach Pirna, Dresden, über die Elbe. // S. V// Vorrücken nach Königsbrück. Recognoscirung bis Schwepnitz. Meine Gefangennehmung. Das Land von Lützen bis Königsbrück. Unsere Aufnahme bey den Bewohnern. Mannszucht.
Drittes Capitel: Behandlung bey der Gefangennehmung. Aufenthalt bey den Vorposten und im russischen Hauptquartier. Meine Schicksale daselbst. Transportirung durch die Lausitz und Schlesien. Behandlung der Officiere und Soldaten. Das Land in der Lausitz und in Schlesien. Benehmen der Einwohner gegen uns. Transportirung durch das Warschauische, Ankunft in Grodno. Begebenheiten und Schicksale während dieses Marsches. Benehmen der Pohlen gegen uns. Unreinlichkeit in Pohlen — der Weichselzopf. Löhnung der gefangenen Officiere. Das Land.
Viertes Capitel: Aufenthalt in Grodno. Mein Augenübel. Die Stadt und ihre Bewohner. Abmarsch nach Minsk. Der Transportcommandant. Schicksale während der Reise. Die Landes-Einwohner, das Land. Neue Krankheit. Meine Aufnahme in einem Spital in Minsk. Dr. Schmidt. Minsk und seine Einwohner. Ankunft neuer Gefangenen.
Fünftes Capitel: Abmarsch von Minsk. Reisegesellschaft. Bobruysk. Reise bis Czernigow. Unsere Schicksale während // S. VI// des Marsches — in Rohaczew. Dobrianka. Land und Volk. Aufenthalt in einem Dorfe bey Czernigow.
Sechstes Capitel: Aufenthalt in Czernigow. Unsere häusliche Einrichtung. Unsere Lebensart. Die Stadt. Die Besatzung. Die Einwohner. Lebensmittel. Der Winter. Ankunft der Nachricht von der Allianz Württembergs mit den verbündeten Mächten. Anstalten zu unserer Heimkehr. Das Fest der Waßerweihe.
Siebentes Capitel: Abreise von Czernigow. Reisegesellschaft. Art der Reise. Ankunft in Bobruysk. Veränderung der Art unserer Reise. Weiterreise über Slonim bis Bialystok, in welch lezterem Orte wir württembergische Commissärs treffen, und mit Geld versehen werden. Die Stadt Bialystok. Neue Veränderung unserer Art zu reisen. Abreise von Bialystok. Plozk. Abentheuer in Kalish. Hotel dePologne daselbst. Abentheuer bey Ostrowo. Benehmen der russischen Commandanten in Pohlen, der pohlnischen Behörden und der Einwohner. Reise durch Schlesien. Ankunft in Sachsen. Spuren des Kriegs. Dresden. Reise über das Erzgebirge. Quartiermachen. Zustand des Landes. Ankunft im Bayrischen. Zustand des Landes. Bayreuth. Eintritt des Frühjahres. Benehmen des neuen Quartiermachers. Bamberg. Unsere Aufnahme im Bayrischen. Ankunft im Vaterlande, Mergentheim, Oehringen. Meine Ernennung zum Ritter // S. VII// des Militär Verdienst- Ordens. Ankunft in Ludwigsburg, wo ich meinen älteren Bruder fand, in Stuttgart. Meine Eintheilung bey dem Leibcavallerieregiment, und Rückkehr nach Ludwigsburg.
Achtes Capitel: Schluß. Anhang: Mein Tagebuch.
Einleitung.
Meine Eltern hatten mich zum Studiren bestimmt, aber ehe ich die Universität beziehen konnte, hatte der König eine Verordnung erlassen, wornach ferner nur die Söhne solcher Beamten, die im Staatsdienste angestellt waren, und die Ehre hatten, Wappenknöpfe zu tragen, ohne allerhöchste Erlaubniß studiren dürften. Mein Vater war ein Stifungsbeamter, und trug daher keine Wappenknöpfe. Ich mußte also die Erlaubniß zum Studiren nachsuchen. Dieß geschah im Jahr 1809, es erfolgte aber, wie unter den damaligen Verhältnissen vorauszusehen war, eine abschlägige Antwort. Nun trat ich in eine Schreibstube, wo es mir nicht gefiel, mit der Ueberzeugung, daß ich über kurz oder lang zum Militärdienst werde ausgehoben werden. In dieser Ueberzeugung bewog ich endlich meine Mutter — mein Vater war indessen gestorben — zur Einwilligung, daß ich als Freywilliger und als Cadet in das Militär treten durfte. Im Juny 1809. fing demnach meine militärische Laufbahn an.{573} Als Cadet bey der Depotcompagnie der Garde zu Fuß wohnte ich einem Theile des Feldzuges gegen die Vorarlberger Insurgenten{574} und einigen kleineren Gefechten bey.{575} Im folgenden Jahre ward ich auf mein Gesuch als Cadet zum LeibChevauxlegers-Regiment versetzt, und nach 4. Wochen im Juny 1810. zum Unterlieutenant im reitenden Jägerregiment Herzog Louis befördert.{576} Meine Garnison hatte ich anfangs in Zwiefalten, später in Ehingen, und zulezt in Riedlingen.{577} Der Friede hatte nun schon zwey Jahre gewährt, und fing an, sowohl den gedienten Soldaten, // S. 2// als den neuen zur Last zu werden. In der Garnison gieng das Avancement{578} langsam, und manche hatten sich auch in Schulden, oder andere Verhältnisse gesteckt, die ihnen eine Aenderung der Garnison, insbesondere einen neuen Krieg wünschenswerth machten. Ich war auf eine unangenehme, jedoch heilsame Art vor dem Schuldenmachen bewahrt worden, und hatte also diesen Grund zum Wunsche nach einer Veränderung nicht, dagegen langweilten mich das Garnisonsleben mit allen seinen Anhängseln, und die ausschlieslichen Gespräche von Pferden, Liebe und Wein, hauptsächlich aber machte der Wunsch, bald zu avanciren und mein Glück in Bälde zu versuchen, die Sehnsucht nach einem Kriege in mir eben so sehr rege, wie bey meinen Kameraden.
Erster Abschnitt.
Erstes Capitel.
Im Anfange des Monats Februar 1812. traf der so ungeduldig erwartete Befehl zu Einberufung der Beurlaubten ein. Nun hatten wir vollauf zu thun, aber eine fröhliche Zeit. Etliche Tage Urlaub benüzte ich, um meiner Mutter und meinen Geschwistern{579} in Tuttlingen Lebewohl zu sagen. // S. 3//
An einem schönen Frühlingstage, es war der 17. Februar des Jahres 1812. verließen wir unsere Garnisonen Ehingen, Riedlingen und Blaubeuren, und traten den Marsch ins württembergische Unterland an.{580} Durch Zwiefalten, die frühere Garnison — gieng der Zug über Stuttgart bis Eglosheim bey Ludwigsburg, wo wir am 20.ten Februar eintrafen. Tags darauf ward in Ludwigsburg Musterung gehalten von dem General-Inspector der Cavallerie, General v[on] Dillen, und hernach vom König{581}, aber vor den Augen weder des einen, noch des andern fand der keineswegs in hoher Gunst stehende Oberste mit seinem Regiment große Gnade.{582} Am 23.ten brachen wir wieder auf, und kamen den 24.ten in der Gegend von Heilbronn an.
Hier war der Sammelplatz des württembergischen Armeecorps, und ein Wiesengrund nahe bey Heilbronn der Platz, wo der König 14/15. Theile seiner schönen Truppen zum leztenmale sah.
Hier in dem schönsten Theile des Vaterlandes that sich jeder nach Möglichkeit noch gütlich. Nach einem Aufenthalt von 15. Tagen, während welcher des Exercirens und Musterns kein Ende war, brach das Armeecorps unter dem Oberbefehl des Kronprinzen in 4. Colonnen{583} — das Jägerregiment Herzog Louis bey der leztern — auf, und nahm seinen Weg über Heilbronn, Neustadt, Oehringen und Künzelsau nach Weikersheim.{584} Auf dem Marsche durch Württemberg war keiner von einer gewissen Unruhe frey, die ihm die Heimkehr in die Garnison immer noch als möglich vorstellte, // S. 4// da die Gewisheit des Kriegs weder vom commandirenden General, noch von dem ihm zunächst stehenden General v[on] Scheler ausgesprochen war und auch keine Zeitung von dem nahen Ausbruche eines Krieges Erwähnung that. Schon, als der Befehl zur Einberufung der Beurlaubten gegeben wurde, glaubten wir nur an einen Krieg mit Rußland, und die Richtung unseres Marsches bestätigte diese Meinung, aber noch immer zweifelten wir an der Gewißheit des Kriegs.
Als wir aber die vaterländische Grenze überschritten hatten, da wurden wir überzeugt, da befürchtete keiner mehr die Heimkehr, um die Brust wurde es leichter, und die Soldaten sangen:
Brüder jetzt geht's Rußland zu. — Unsere Erwartung war sehr gespannt; wenn wir auch keine goldenen Berge in Rußland erwarteten, so glaubten wir doch die schönsten und besten Pferde — (der höchste Wunsch des Reiters —) in Menge, und die Lebensmittel im Ueberfluß zu finden; an einen russischen Winter dachte niemand, keiner konnte sich eine Vorstellung davon machen; einige wenige sagten zwar bedächtlich: wartet nur! aber sie predigten tauben Ohren. Doch, was hätte es geholfen, uns unsern glücklichen Wahn zu benehmen? Und ist es nicht besser, daß der Soldat dem Kampfe fröhlich entgegen gehe, als daß er, die schrecklichen Leiden und Strapatzen voraussehend, nur mit Unwillen seinem Berufe folge? So zogen wir heiter dahin, und waren es wohl zufrieden, daß immer nur der 6.te Tag zur Ruhe bestimmt war. Im Würzburg'schen // S. 5// fanden wir die Quartiere nicht so gut als in Württemberg, obgleich dieses Land jenem an Fruchtbarkeit und Wohlhabenheit nachsteht. Den schönsten Theil des MaynThales sahen wir nicht. Unser Weg gieng, wie es gewöhnlich bey grosen Truppenmärschen die leichte Waffe trifft, nicht immer auf Heerstraßen, wenigstens durch das Würzburgische, und in den sächsischen Herzogthümern giebt es überhaupt nur wenige Kunststraßen. In Hildburghausen hatte ich die Ehre, dem Herzog{585} den Durchmarsch unsers Regiments anzumelden. Dort und in Schleusingen glaubten wir schon das Sprüchwort wegen der sächsischen Mädchen wahr zu finden.{586}
Am 23. März gieng die lezte Colonne über den Thüringerwald. Ich hatte mich sehr auf dieses Gebirge gefreut, und nicht umsonst. Unweit Frauenwalde, dem höchsten Orte auf dieser Straße, ist ein Punct, von wo aus einer der schönsten Theile dieses herrlichen Gebirges himmelhohe waldgekrönte Berge mit tiefen freundlichen Thälern in mannichfaltiger Abwechslung sich dem Auge darstellen. Die schönen Ruinen berühmter Burgen — die Gleichenburg, die Ilmenburg, wo der wackere Hasper ä Spada haußte{587} — und andere erinnern an die Blüthezeit der deutschen Kraft. Am jenseitigen Fuße des Gebirges liegt das niedliche Städtchen Ilmenau. Noch ist das Land gebürgig bis gegen Rudolstadt zu, wohin uns das Glück durch ein höchst romantisches{588}, von der Schwarzach durchströmtes, bisweilen wohl auch durchtobtes Thal, an der ehrwürdigen Schwarzburg // S. 6// vorbey, und dann erst in das eigentliche Sachsen einführte. Das schöne Saalethal kaum berührend, kamen wir durch einige unbedeutende sächsische Städtchen, wie Roda, Eisenberg und Krossen, und durch das bedeutendere Zeitz mit dem letzten Tage des März in der Nähe von Leipzig an, wo uns einige Zeit zur Erholung gegönnt wurde.
In der Gegend von Leipzig trafen wir das Erstemal mit Franzosen zusammen. Schon vorher war uns Vermeidung aller Streitigkeiten mit ihnen ernstlich empfohlen worden, aber schon am ersten Tage würde eine Zahl von 20. Conscribirten, die durch ihr ungebührliches Benehmen wahrscheinlich die deutsche Geduld auf die Probe stellen wollten, eine ernsthafte Scene veranlaßt haben, wenn sich der wackere Wachtmeister Beck weniger fest benommen hätte.
Bis hieher waren unsere Erwartungen nicht nur nicht herabgestimmt, sondern sogar noch gesteigert worden. Schon im Vaterlande hatten wir gute Quartiere und Ueberfluß an dem köstlichen Eilferwein gehabt,{589} im Würzburgischen waren zwar die Quartiere in Absicht auf das Essen minder gut, aber über dem herrlichen Maynwein vergaß man gern die geringere Kost. In Thüringen wurden wir schon nach sächsischer Weise bewirthet, und je näher wir gegen Leipzig anrückten, desto besser gefielen wir uns bey unseren Wirthen. Das schöne Sachsen hatte sich damals von den Drangsalen des Krieges im Jahre 1806.{590} gröstentheils wieder erholt, und gute Erndten hatten den Landmann wieder in höheren Wohlstand gesetzt. // S. 7//
Die Gutmüthigkeit und der gute Wille, womit uns der bürgerliche Sachse überall gab, was Kühe und Kelber vermochten, setzten uns öfters in Erstaunen; dagegen war vom sächsischen Edelmann nicht immer das nämliche zu rühmen. Der letzte Krieg mochte freilich manchem tiefe Wunden geschlagen haben, aber mir schien, als ob hie und da eine Familie durch den sehr hoch gestiegenen Luxus herunter käme, oder schon herabgekommen sey. Dieß und der grelle Contrast, den manches Edelmannsdorf in diesem gesegneten Lande mit den königl[ichen] Dörfern bildete, sprach eben nicht sehr zu Gunsten der sächsischen Edelleute, und es war leicht zu sehen, daß sie eine rühmliche Ausnahme in ihrem Stande nicht machten. Einzelne Ausnahmen fand ich allerdings, wie bei dem Grafen v[on] Hohenthal, in dessen Schlosse zu Knauthayn bey Leipzig ich mehrere Tage mich aufhielt, und einigen anderen vom höheren Adel; überhaupt aber und überall schienen die Klagen über Druck der Grundherren hauptsächlich nur von den kleineren Edelleuten veranlaßt zu seyn. Auf dem ganzen Marsche hatten wir bis hieher immer sehr vergnügt zusammengelebt. Mancher lustige Auftritt, den einer oder der andere in seinem Quartiere gehabt hatte, wurde unterwegs bey einem Halt und guten Frühstück dem versammelten Offtcierscorps preisgegeben; es vergieng kein Tag, wo nicht etwas dergleichen vorfiel, und wenn die Anekdote vielleicht auch nicht immer buchstäblich wahr war, so unterhielt sie doch. Besonders belustigte der gutmüthige, brave Hstn.{591} mit seinen 1.tägigen Liebschaften und naiven Einfällen. Einen angenehmen Gesellschafter hatte ich — // S. 8// meistens mit einer halben Schwadron auf Dörfer verlegt — an dem Lieutenant K...,{592} der mir neben seiner wissenschaftlichen Bildung auch wegen seines Talents zum Singen sehr werth war.
Auf dem Wege von Heilbronn bis in Leipzigs Nähe waren wir durch manche schöne Gegend gezogen, hatten mehrere niedliche Städtchen und wohlhabende Dörfer gesehen, und verschiedene Wirthe gehabt. Eines meiner angenehmsten Quartiere hatte ich beym Amtsschreiber Geisse zu Marienburghausen bey Haßfurt. Die Geradheit des Mannes und die sorgliche Geschäftigkeit der Frau zogen mich sehr an diese Familie an. Auch einige andere Hauswirthe, namentlich zu Fröhstockheim im Würzburgischen, zu Martinroda bey Ilmenau, zu Cumbach bey Rudolstadt und zu Unter-Schwednitz bey Zeitz haben mich durch ihre Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die sie uns als Deutschen bewiesen, zur Dankbarkeit verpflichtet. Eine ausgezeichnete Bewirthung fand ich in dem Schlosse des Grafen Hohenthal zu Knauthayn und eine vortreffliche Unterhaltung in seiner gutgewählten Bibliothek. Bey Gelegenheit einer Musterung, die unser Kronprinz hielt, sah ich die Stadt Leipzig, die Pleissenburg, und die schöne Niederlage von Meißner Porcellän. Mehrere andere Merkwürdigkeiten noch zu sehen gestattete mir die Kürze der Zeit nicht. Überdieß befand ich mich in Knauthayn zu wohl, um gerne lange abwesend zu seyn. Aber der schöne Aufenthalt daselbst währte nur vom 1—6.ten April einschließlich. Ein Befehl des französischen Kaisers rief uns aus Leipzigs herrlicher Umgebung ab, und nach Frankfurt // S. 9// an der Oder. Es ahnte uns, daß es uns lange Zeit nicht mehr so gut werden würde, denn das jenseitige Sachsen{593} versprach uns keinen so angenehmen Aufenthalt, und vom Brandenburgischen erwarteten wir noch weniger, da die Württemberger vom Jahr 1806. und 1807. her noch keine ehrenvolle Celebrität{594} bey den dortigen Bewohnern genoßen.
Zweytes Capitel.
Am 7.ten April verließen wir unsere Standquartiere, zogen in Parade durch Leipzig, berührten am 9.ten das Schlachtfeld von Torgau, das ich freilich gerne näher besichtigt hätte, sahen die Festung die erst im Werden war, und giengen am nämlichen Tage über die Elbe.
In Torgau hatten Verständige die Haltung und den Zustand unsers Regiments bewundert. Am 10.ten kamen wir durch das artige Städtchen Herzberg nach Frankenhayn, wo uns der Pfarrer mit manchen Anekdoten, von denen mir besonders das Examen eines Candidaten der Theologie mit Nescio; Nescis? Nescit! wohl gefiel,{595} sehr angenehm unterhielt. Den folgenden Tag in den Quartieren zu Beesdau erhielt das Jäger-Regiment Herzog Louis die Nachricht, daß es auf unmittelbaren Befehl des Kaisers Napoleon vom württembergischen Corps getrennt, künftighin mit dem Schlesischen Ulanen - und 6.ten polnischen Husaren- // S. 10// Regiment unter dem Commando des Brigade-Generals Ornano und des Divisions-Generals Watier de S[ain]t Alphonse stehen, zu diesem Zweck unverzüglich und ohne ferneren
Ratschlag nach Frankfurt marschiren, und sich dort an das Corps dieser Generale anschließen soll.{596} Nach einem Marsch von etlichen Stunden durch die Lausitz, wo die wendische Sprache der Bauern mehrere Mißverständnisse veranlaßte, rückten wir beÿ Kossenblatt in die Mark Brandenburg ein, wurden beÿ Müllrose zum leztenmale vom Kronprinzen gemustert, und kamen noch am gleichen Tage nach Frankfurt an der Oder, wo eigentlich erst unsere gänzliche Trennung vom württembergischen Corps erfolgte.
Es war allerdings eine große Auszeichnung, daß vom Kaiser Napoleon unser Regiment namentlich zur Vereinigung mit der Division des Generals Watier, der den Vortrab der grosen Armee bilden sollte, bezeichnet wurde. Auch fühlten wir dieses und sahen wohl ein, daß wir zu Erwerbung von Ruhm und Ehre ein freÿes Feld vor uns haben. In dieser Beziehung waren wir mit der Bestimmung des französischen Kaisers wohl zufrieden; auf der andern Seite aber war manches gegen eine Vereinigung mit Franzosen einzuwenden; Letztere damals gewöhnt, auf die rheinischen Bundestruppen mit einem gewißen Stolze herabzusehen, und wenn sie es litten, sie wohl auch zu mißhandeln, konnten uns manche Unannehmlichkeit zufügen, vor der selbst der decidirte{597} Oberste sein Regiment nicht immer zu schützen // S. 11// vermochte; in jedem Fall aber, wenn wir uns mit den Franzosen auch noch so gut stellten, konnten wir auf keine Unterstützung beÿ ihnen rechnen, wie wir sie beÿ unserem Armeecorps hätten fordern können, und auch gefunden hätten; wenigstens so weit es Zeit und Umstände erlaubt haben würden. Ueberdieß flößte uns diese Entfernung gerechte Besorgnisse wegen der künftigen Behandlung unserer Kranken und Verwundeten ein, da uns die Nachläßigkeit und zuweilen auch Grausamkeit, mit welcher die französischen Aerzte ihre Kranken und Verwundeten zu behandeln pflegen gar wohl bekannt war. Auch war es noch unentschieden, ob wir uns mit den schlesischen Uhlanen würden vertragen können, ein Umstand der auf unser eigenes Schicksal von großem Einfluß seÿn konnte.{598} Beÿ Erwägung aller dieser Umstände konnten wir also die Freude über die uns wiederfahrene Ehre leicht mäsigen, und wir wären, wenn wir zu wählen gehabt hätten, bey unsern Landsleuten geblieben, und hätten gerne Leid und Freude mit ihnen getheilt.
Von Leipzig bis hieher war unser Marsch durch ein minder gutes Land gegangen, die Dörfer und Wohnungen der Wenden geben keinen günstigen Begriff von ihrem Wohlstände, und das Innere ihrer Häuser verräth Armuth und Unreinlichkeit. Im Brandenburgischen waren wir sehr unwillkommene Gäste, und sehr häufig gab es Klagen über schlechte Quartiere, die wohl nicht allein dem Mangel an gutem Willen von Seiten der Einwohner, sondern auch // S. 12// zum Theil der Mutter Natur, welche die Umgegend von Frankfurt sehr stiefmütterlich behandelt, und sie mit einer ungeheuren Menge Sand — hie und da auch Flugsand — begabt hat, zuzuschreiben sind; besonders veranlaßte der Haß der Frankfurter gegen uns mehrere unangenehme Auftritte.
Eine der schönem kleineren Städte zwischen Leipzig und Frankfurt ist Lübben von etwa 6,000. Seelen. Frankfurt gehört schon zu den gröseren Städten, wenigstens nach dem Tone, der da herrscht.{599} Die Stadt liegt hart an der Oder und eignet sich zum Handel und zur Schiffahrt, da der Fluß hier schon eine sehr beträchtliche Breite und Tiefe hat, vortrefflich, auch mag in den Zeiten des Friedens der Verkehr in dieser Stadt gar nicht unbedeutend seyn. Hier hatte ich mehr Muße mich umzusehen, als in Leipzig und ich benüzte sie auch wirklich. Von Merkwürdigkeiten{600} sah ich zwar nichts, aber ich suchte auch keine auf; desto mehr interessierte mich das Leben und Treiben der Bewohner dieser Stadt, denn gleichwie zwischen dem Clima der Mark Brandenburg und dem des südlichen Deutschlands ein bedeutender Unterschied ist, so sind auch die Bewohner dieser beiden Gegenden durch Sitten und Lebensart merklich von einander unterschieden. Der Norddeutsche zeichnet sich vor dem Süddeutschen durch eine grösere Abgeschliffenheit und Gewandtheit im Umgänge aus, dagegen aber ist der Süddeutsche gerader, offener, ehrlicher. Im Character des Süddeutschen ist Gutmüthigkeit ein hervorstehechender Zug, während beym Norddeutschen alles andere dem eigenen Ich nachsteht. // S. 13//
Man sagt zwar, die Moralität sinke bey uns immer tiefer, allein sie muß noch weit herunter kommen, bis sie auf der nemlichen Stufe, wie wenigstens in den gröseren Städten Norddeutschlands, steht. Es empört, wenn man von Gassenjungen von 6—8. Jahren bey jedem Schritte angerufen wird, ob man nicht schöne Mamsells befehle. Ich glaube, wenn bey dem Pöbel die Sitten-Verderbniß so groß ist, daß sie bey dem Mittelstände nicht weniger groß seyn wird, denn ich habe nicht nur Militärs, sondern gut gekleidete Civilisten, denen es die Gassenbuben nicht ansehen konnten, ob sie fremd oder einheimisch sind, auf obige Art anrufen hören. Jedoch gilt dieses nicht alleine von Frankfurt, sondern von allen gröseren Städten Norddeutschlands mehr oder weniger, hauptsächlich aber von solchen, welche lange Zeit fremde Soldaten, besonders Franzosen, beherbergten.
In Frankfurt stunden die Einwohner nicht an, uns einen sehr ungünstigen Begriff von Pohlen, das wir nun zu einem Theile durchziehen sollten, zu geben, oder vielmehr geben zu wollen, denn wir zweifelten keinen Augenblick an dem Vorzug der pohlnischen vor den brandenburgischen Quartieren. Nachher erkannten wir, daß die Preussen Recht — und wir die traurigen Schilderungen nicht ganz ihrem Unmuthe gegen uns zuzuschreiben hatten. // S. 14//
Drittes Capitel.
Am 16.ten April hielt der neue Brigade General Ornano Musterung, bezeugte seine Zufriedenheit mit unserer Haltung, und wünschte uns glückliche Reise nach Pohlen. Nach dem Uebergang über die Oder schlugen wir den Weg nach Posen ein. Noch an demselben Tage kamen wir am Schlachtfelde von Kunersdorf vorbey, hatten aber nicht Gelegenheit, dasselbe näher zu besichtigen. Von Frankfurt an wird die Gegend immer trauriger, öder, das Land sandiger, doch waren wir noch 2 l/2.Tage lang auf deutschem Grund und Boden, aber am 18.ten April Nachmittags rückten wir in das Großherzogthum Warschau ein. Das30 erste pohlnische Ort Tszermeissel, ein Städtchen — glaubten wir — müsse eines der schlechtesten in Pohlen seyn, aber das nächste war noch schlechter, das dritte noch armseliger und so fort. Zwar hatte ich an diesem Tage noch das Glück, meine Herberge in einem Kloster (Paradies — Benedictiner) zu finden. Das Aeussere und Innere zeugte von Reichthum, aber das dazu gehörige Dorf und seine Bewohner waren höchst elend. Ein kleiner Bach macht hier die Grenze zwischen Pohlen und Schlesien, und auch die schlesische Seite ist mit einem Dörfchen bebaut, das zwar keinem unserer Dörfer gleicht, nichts desto weniger aber mit dem pohlnischen einen grellen Contrast bildet, wahrscheinlich darum, weil hier die Pfaffen nichts zu Wirtschaften haben. // S. 15//
//S. 15// Die Pfaffen sind sich wohl überall gleich und ähnlich, sagte ich mir, aber ich ärgerte mich doch. Ich wurde gut bewirthet, und mit pohlnischem Wein, den ich als solchen gut finden mußte, getränkt, meine Soldaten assen bey den Bayern Sauerkraut und Kartoffeln, und tranken Fusel{601}, schlechter als in andern pohlnischen Orten ohne Kloster. Die deutsche Sprache kennt hier noch der gröste Theil der Einwohner. Tags darauf gieng der Zug durch grose Ebenen, die durch die dünne gesäeten Dörfer im Style unserer Schweineställe gebaut, ein noch traurigeres Aussehen bekommen. Als ich nach einem Marsch von 8. Stunden mit 2. Zügen nach dem Dorfe Löwin detaschirt{602} wurde, befragte ich den Wegweiser um die Entfernung bis dahin. Der StockPohle{603} verstand mich so wenig, als ich ihn. Traurig folgte ich seiner Führung, und fand in diesem Orte nicht Einen Menschen, der deutsch verstanden hatte [sic]. Noch nie hatte ich eine solche Unbehaglichkeit gefühlt, niemand verstand mich, mich eckelte die Unreinlichkeit der Menschen nicht weniger an, als die ihrer Wohnungen; das unfreundliche Wetter nöthigte mich, in dem Stalle, den man in Pohlen Haus und Stube zu nennen beliebt, zu bleiben. Wenn ich meine Wohnung zu Knauthayn mit dieser verglich, so hätte ich über meine Lage und die Menschen weinen mögen. Doch tröstete ich mich wieder, wenn ich bedachte, daß ich nicht allein in dieser Lage sey, sondern daß mein ganzes Regiment ungefähr ebenso beherbergt und vom Schmutz gequält sey, wie ich. Es ist wohl sehr menschlich, daß man seine eigenen Widerwärtigkeiten //S. 16// weniger tief fühlt, oder vielmehr sich darüber tröstet, wenn man weiß, daß seine Nebenmenschen in der gleichen Lage sind. Dieser und die 2. folgenden Tage, wo ich eben solche Quartiere hatte, waren mir höchst peinlich, und ich glaubte überzeugt zu seyn, daß es mir nie{604} schlimmer ergehen könne. Wie glücklich wäre ich, wenn dieses wirklich so gewesen wäre! An den folgenden Tagen war die Einförmigkeit unseres Weges nicht geeignet, mich in eine bessere Stimmung zu versetzen, aber ich gewöhnte mich nach und nach an die neue Lage, und fand sie bald erträglicher, da ich inzwischen auch die notwendigsten pohlnischen Wörter gelernt hatte. Am 22. April Nachmittags kamen wir in der Gegend von Posen an, und wurden zu meiner großen Freude in deutsche Colonisten-Dörfer verlegt, um da Rasttag zu halten. Die bessere Bauart dieser Dörfer und die Reinlichkeit der Bewohner setzte{605} mich in Entzücken, ich glaubte mich nach Deutschland versetzt. Mein erstes war hier, die Einwohner zu fragen, wie lange sie schon hier seyen, und wie es ihnen hier gefalle. Die Anhänglichkeit dieser guten Leute an ihr ehemaliges Vaterland, das sie selbst nie gesehen hatten, von dem sie aber mit einer Begeisterung und Umständlichkeit sprachen, als ob sie lange Jahre dort gelebt hätten, freute mich; aber die Versicherung, daß sie von den alten Bewohnern sehr gehaßt und wohl auch mißhandelt werden, und daher ihren Eltern den Tausch des Vaterlandes nicht danken können, betrübte mich. Nur wenige von ihnen reden die Landessprache, ob // S. 17// sie gleich hier gebohren sind, und vielleicht mag auch dieses dazu beytragen, daß sie von den alten Pohlen Haß und Druck zu dulden haben. — Am Rasttage hatte ich Zeit, mein Tagebuch zu ergänzen, und den Marsch in Pohlen noch einmal zu überdenken, wobey mir aber die Versicherung mehrerer gebildeter Pohlen, daß jenseits Posen{606} das Land noch schlechter sey, schwer auf's Herz fiel. Ich hatte eigentlich erst 3. ganz schlechte Quartiere gehabt, wo ich mit meinen Hauswirthen und ihrer ganzen ehrbaren Familie von Schweinen, Ziegen, Kälbern, Gänsen, Enten und Hühnern die Nacht in Einer Stube zubrachte. In Chelmo bey Pinne war ich in dem Schlosse des Grafen Stanicki, der zwar nicht selbst gegenwärtig war, dessen junge Söhne aber uns von ihrer vielseitigen Bildung einen vortheilhaften Schluß auf die intellectuelle Bildung des Vaters machen Hessen; wie es mit seiner moralischen Bildung stand, weiß ich nicht, sein Dorf und seine Bauern waren aber höchst elend. — Den folgenden Tag wurde ich auf Veranlassung meines Schwadrons-Chefs{607} Abends zum Grafen Prujimski eingeladen. Der Graf war wenig gebildet und albern, aber adelsstolz, die Gräfin eine steife Matrone, und wo möglich noch stolzer. Die Tochter schön und sehr gut gewachsen, talentvoll, aber sehr eitel, eine Nichte von nicht unebener Gestalt, junge Wittwe, schien kein Behagen am Wittwenstande zu finden, und mochte es wohl leiden, daß ein beym Grafen einquartierter kräftiger Lieutenant sich gerne mit ihr unterhielt. //S. 18// Der alte Graf tractirte vornehm, aber sparsam; seltene Speisen, aber nicht für die Hälfte der Gäste hinreichend, ein Getränke, mehr mit Essig als Bier vergleichbar; zum Nachtisch einen Fingerhut voll sauren Ungarweins. Vor dem Nachtessen zeigte die junge Gräfin ihr Talent in der Musik, das wirklich Lob verdiente, aber durch einen Kosackentanz, den sie mit ihrer kleinen Schwester auffuhrte, entzückte sie alle; wir waren nur Auge, und nichts hätte uns ungelegener kommen können, als die Nachricht, daß im Speisesaal aufgetragen sey. Trotz des magern Nachtessens war ich sehr vergnügt, bis meine Illusion beym Nachhausegehen durch den Anblick der erbärmlichen Menschenställe schwand.
Wehmüthig nahm ich am 24. April von den guten Deutschen Abschied, wünschte ihnen Glück, das sie aber bis jetzt wohl schwerlich gefunden haben werden, und schlug den Weg nach Posen ein. Bey Demsen, einem andern deutschen Colonisten Dorfe, sammelte sich das Regiment, und zog von da in Parade durch Posen. Die zahllose Menge der klappernden Windmühlen, die die Stadt in geringer Entfernung umgeben, und deren es auf dem diesseitigen Eingänge von Posen besonders viele sind, setzte uns nicht weniger in Erstaunen, als unsere Pferde in Schrecken. Die Stadt selbst hat mehrere gut gebaute, während der preussischen Herrschaft38 39 entstandene Strassen, und zeichnet sich vor den meisten pohlnischen Städten vortheilhaft aus. Am jenseitigen Ende derselben giengen wir über die Warthe, und // S. 19// schlugen den Weg nach Gnesen ein. Mein Schwadrons-Chef war diesen Tag auf einem Dorfe, das — wenn ich es anders richtig gehört habe, Koszalkowikorski heißt, bey einem Edelmann in Quartier, dessen 2. Töchter mit pohlnischen Uhlanen-Officiers verlobt, ihren Geliebten beym Abschiede versprochen haben sollen, daß sie mit fremden Männern keine Sylbe wechseln wollen. Wie lange sie dieses Versprechen hielten, weiß ich nicht, nur so viel weiß ich, daß sie während der Anwesenheit der Württemberger ihrem Gelübde nicht untreu wurden und daß der Verwalter des Edelmanns versicherte, daß noch keine 14. Tage seit dem gegebenen Versprechen verflossen seyen. Wir hielten diese Damen für stumm, und die wiederholten Versicherungen des aufrichtigen Verwalters konnten uns kaum vom Gegentheil und der Wahrheit seiner Erzählung überzeugen. — Den folgenden Tag erreichten wir Gnesen, eine ziemlich beträchtliche, jedoch schlecht gebaute Stadt, die der Sitz eines Erzbischoffs, und durch einen besuchten Pferdemarkt weit berühmt ist. In meinem Quartiere zu Czecznigrolevski39 hatte ich einen sehr neugierigen Hausherrn, bey dem gerade ein noch viel neugieriger Landpfarrer zum Besuche war. Beide erkundigten sich sehr angelegentlich nach allen Ländern, die wir schon durchzogen hatten, und besonders nach unserem Vaterlande, nach dessen Clima, Cultur und Verfassung. Keiner von den beiden Herren war je über die Grenzen Pohlens gekommen, und beide wußten von // S. 20// ihrem Vaterlande kaum etwas mehr, als daß ihr Wohnort im bessern Theile Pohlens liege, und daß ihr Land den südlichen Ländern nach Clima und vielleicht auch Cultur nachstehen müsse. Meine Erzählungen konnten daher nichts anders als Erstaunen erregen, und nachdem ich ihnen mehrere Stunden lang von Württemberg, von dem milden Clima, von der LandesCultur, von den Einwohnern und ihrer Lebensart, und {608}{609} zulezt auch von dem segensreichen Jahr 1811. gesprochen hatte, priesen sie das südliche Deutschland glücklich, waren vollkommen überzeugt, daß es ein wahres Paradies sey, und sahen mich mit andern — ich möchte beynahe sagen, neidischen Augen an. Mein Graf war so sehr vergnügt, daß er nichts sparte, um mir zu zeigen, wie ein werther Gast ich ihm sey, und ich selbst hatte mich ganz in angenehme Erinnerungen verloren. Es war dieser Tag einer der angenehmsten, die ich in Pohlen verlebte.
An den folgenden Tagen führte unser Weg durch mehrere kleine, schlechte Städtchen, in deren einem — Radczejew — viele Württemberger ansässig sind, die durch den Anblick der Landsleute in grosse Freude geriethen, und sich nach ihren Geburtsorten und Verwandten angelegentlich erkundigten, wobey sie ihre traurige Lage in Pohlen herzbrechend schilderten. Am 30. April setzten wir in grossen Kähnen über die Weichsel, verließen am 3. May das Grosherzogthum Warschau, betraten bey Jilienburg (oder Illowo) das ostpreussische Land, und bezogen den 6.ten bey Neidenburg Cantonirungsquartiere. // S. 21//
Die Freude über den Ausmarsch aus Pohlen und den Einmarsch nach Ostpreussen war allgemein und unbeschreiblich. Hatten wir früher ganz Preussen wegen der Ungefälligkeit der Brandenburger und der schlechten Quartiere verwünscht, so dankten wir jetzt Gott, daß er uns wieder unter Menschen kommen ließ. Um aber nicht ungerecht gegen die Pohlen zu scheinen, will ich hier einige Bemerkungen machen, die sich jedem Reisenden bey seinem Eintritt in Pohlen aufdringen, und zum Beleg meiner Angaben einige Anekdoten anführen. Vorher muß ich nur noch bemerken, daß die Wohlhabenheit und Frugalität, an die ich durch Erziehung gewöhnt war, und die Rechtlichkeit und der schlichte Bürgersinn, die ich meinen braven Eltern zu danken habe, mich manche scharfe Ecke ich Pohlen tiefer fühlen ließen, als sie vielleicht mancher andere fühlen mochte.
In Pohlen machen allein die Edelleute die Nation aus. Ein Hauptzug im Charakter des Adels ist der Stolz, eine Folge der früheren Verfassung, nach der jeder Edelmann bey der Königswahl nicht nur eine Stimme hatte, sondern selbst wahlfähig war.{610} Im allgemeinen ist der Edelmann tyrannisch gegen seine Unterthanen; aber sclavisch gegen Höhere; er ist mißtrauisch, boshaft und treulos gegen seine Landsleute, selbst ein gleiches Interesse vereinigt ihn nicht immer mit dem andern, und seine Sache geht der Sache des Vaterlandes vor, oder er macht jene zu dieser. Immer war Pohlen in Partheyen getheilt, und kräftige Männer bekannten sich zu der einen oder
zu der andern, // S. 22// aber keiner vermochte seinem Vaterlande eine Ruhe zu geben, die einem Wahlreiche unnatürlich ist. Ueppigkeit und Prachtliebe hat manche Familien arm gemacht, andere zum Verrath am Vaterlande verleitet, und am Ende die Nation um ihre Existenz gebracht.{611}Koscinsko{612} und andere brave Männer konnten dem allgemeinen Verderben nicht Einhalt thun, und vergebens suchten sie das Land zu retten. Es wurde zerrissen, aber die Art, wie dieses geschah, war nicht geeignet, die Herzen der Nation, oder vielmehr des Adels dem neuen Vaterlande zu befreunden. Zwar that Preussen in seinem Antheil das Möglichste zu Emporbringung des Landes, und die Spuren seiner Regierung erblickt man noch mit Wohlgefallen, aber der Adel sah in ihm nur seinen Unterdrücker, und mißkannte das Gute. Er wurde wieder wohlhabender, aber ohne daß es ihn freute, denn er mochte seinem Feinde nichts danken. Freudig ergriff er die Waffen, als Napoleon Pohlen ins Leben zurückzurufen versprach; er scheute keine Aufopferung, willig gab er Geld und Gut und Blut hin, und vergöttert wurde der Freiheitsbringer Napoleon. Er aber stellte nicht das Reich Pohlen wieder her, sondern schuf das Herzogthum Warschau, und führte durch hohe Abgaben, und übergroße militärische Macht Erschöpfung herbey. Dieses betrachtete jedoch der Pohle nur als ein Interim und ertrug es geduldig. Ein neuer Krieg mit Rußland, hoffte er, werde Pohlen sich selbst wieder zurückgeben. Dahin gieng sein Wunsch und sein Streben, und daher rührte seine Vorliebe für Napoleon. Im Herzogthum // S. 23// Warschau, unter Sachsens Hoheit,{613} galt der pohlnische Adel wenig; im Königreich Pohlen hoffte er die verlorenen Vorrechte, den entschwundenen Wohlstand, das grose Ansehen wieder zu erringen. Stolz war der Adel auf seine früheren Vorrechte, und ebenso stolz auf den, welcher ihm die Herstellung des Reichs verhieß. In Südpreussen war der Adel wohlhabend geworden, im Herzogthum Warschau wurde er arm, aber die Erinnerung an den früheren Wohlstand lebte noch in ihm, er hatte sich theils aus natürlichem Hange zum Luxus, den die Erziehung noch genährt hatte, theils, weil er es nicht nöthig hatte, an keine weise Sparsamkeit gewöhnt. Verarmung und Mangel waren die unausbleiblichen Folgen. Einige Beispiele mögen diese lezteren Angaben unterstüzen. In Cornowa, 2. Tagmärsche jenseits Gnesen{614}, traf ich einen Edelmann, der die Fenster seines Wohnzimmers reichlich mit Papier verklebt hatte, der kaum Holz genug zur Wärmung des gemeinschaftlichen Wohnzimmers beischaffen konnte, aus dessen Zügen der Hunger hervorleuchtete, dessen Töchter aber nichts desto weniger in Seide gekleidet, und von einer in Mousselin{615} gekleideten Kammerjungfer bedient waren. Ein gleiches traf ein anderer Officier meines Regiments, nur daß dort der Luxus noch mehr gesteigert, und der häusliche Wohlstand noch tiefer gesunken war, denn die ganze adeliche Familie bediente sich, nach patriarchalischer Weise, Eines Trinckglases, und Einer Gabel, aber keines Tischtuches, und den einquartierten Officieren wurde aus Mangel an Betten und Raum im Hause die Lagerstatt // S. 24// neben den Töchtern des Hauses auf blossem Stroh angewiesen. Ein Bürgerstand existirt in Pohlen nicht. Also nur noch Einiges von den Bauern, denn ich kann nicht wohl sagen: Bauernstand. Als Sclaven der Edelleute wachsen sie auf, wie das liebe Vieh, sie lernen weder lesen noch schreiben, und das Ganze, wozu sie von ihren Erzeugern angewiesen werden, besteht in den wenigen und einfachen Handgriffen und Arbeiten des Ackerbaues. Sie haben kein Eigenthum, ihr Besitzthum gehört dem Edelmann, er läßt den grösten Theil seiner Orts-Markung durch den Bauern bauen, und überläßt ihm nur so viel Grund und Boden, als er zu Ernährung seiner Familie bedarf. Den Ueberfluß einer ungewöhnlich reichen Erndte muß der Bauer dem Edelmann abtreten, so wie er denn auch im entgegengesetzten Fall seine Erhaltung von der Güte des Edelmanns zu erwarten hat. Als Sclave gebohren, als Sclave erzogen, kennt der Bauer keine anderen, als thierische Gefühle und Bedürfnisse, er unterwirft sich mit Geduld den barbarischsten Launen seines Herrn, und küßt mit Ehrfurcht den Fuß, der ihn so eben niedergetreten hat. Die größerntheils unmenschliche Behandlung macht ihn fühllos und stumpf, und kaum wagt er in Gegenwart seines Herrn zu athmen. Hat ihm die Milde desselben einige Groschen übrig gelassen, so berauscht er sich in Brantwein, und wird aus einem Halbmenschen ein Vieh. Der Hang zum Stehlen, den man beym gemeinen Pohlen allgemein antrifft, // S. 25// und wovor sich jeder Reisende hüten möge, hat seinen Grund nicht in der Habsucht, sondern in der unwiderstehlichen Neigung zum Branntweintrinken. Von der Sclaverey rührt auch die gränzenlose Unreinlichkeit her, die man beinahe in allen Baurenhäusern ohne Ausnahme findet, und die sich über die ganze Lebensart und die Sitten der Einwohner verbreitet hat. Man stelle sich eine Stube vor, deren Umfassungswände aus kaum gekanteten — über einander gelegten Baumstämmen bestehen, deren Ritzen mit Moos verstopft sind, die ungehobelte Thüre mit einem hölzernen Ringel verschlossen, drey 1.' [Fuß/ Schuh]{616} hohe und 1 1/2/ breite Fensteröffnungen, deren eine Glasscheiben, die 2. anderen aber nur hölzerne Vorschieber haben, der Boden mit Erde ausgeschlagen, an 2. Wänden schmale Bänke, 1. kleiner ungehobelter Tisch, 1. runder Backofen samt hölzernem Rauchfang zur Seite des Backofens, 2. sogenannte Pritschen über einander zum Lager der Menschen bestimmt, und in dem übrigen Raum der Stube 1/2. Dutzend Gänse, Enten, Hühner, einige junge Schweine, eine Ziege oder gar ein Bock, ein Kalb und 1. Kuh, — so hat man das Bild einer pohlnischen Bauernstube, und unserer Quartiere in Pohlen.
Viertes Capitel.
Unsere Cantonnirung bey Neidenburg währte nur 3. Tage, nach deren Verfluß wir durch die nachrückenden Bayern um einen{617} // S. 26// Tagmarsch weiter vorgeschoben wurden. Zwischen Passenheim und Wartenburg wurden die Cantonnirungsquartiere auf's Neue aufgeschlagen. Mich führte ein gutes Glück in das Haus des Gutsbesitzers Frey tag in Pattaunen, wo ich 12. recht angenehme Tage verlebte. Meine Genügsamkeit und Sorge für Erhaltung einer guten Mannszucht hatten die Freytag'sche Familie sehr für mich eingenommen, und nur ungern ließ sie mich scheiden. Aber meines Bleibens war hier nicht, und so zog ich denn am 23.ten May, von den herzlichen Glückwünschen dieser guten Leute begleitet, ab, um bey Rössel in eine neue Cantonnirung zu gehen. Tags darauf wurde ich mit einem Commando von 12. Mann zur Unterhaltung der Communication mit den Vorposten nach Goldap geschickt, wo ich an dem schönen grosen Kloster, dieh[eilige] Linde genannt, vorbey über Rastenburg und Angerburg am 26.ten ankam, nachdem ich unterwegs noch mehrere reiche Domänen, sogenannte Aemter, wie Popiollen und Sperling, gesehen hatte. Dort löste ich den preussischen Husaren-Lieutenant v[on] Teschen ab, und hatte ausser meiner Hauptstation noch 2. Nebenstationen zu besetzen. Durch einen Aufenthalt von 8. Tagen, während welcher Zeit ich bey dem braven Amtmann Reutter von Waldaukadel im Quartier stand, waren mir mein Wirth, der Justiz-Amtmann und Bürgermeister der Stadt, so lieb geworden, daß ich mich ungern von ihnen trennte. Ich hatte bey den Ostpreussen mehr guten Willen, mehr // S. 27// Offenheit und Herzlichkeit gefunden, als bey den Brandenburgern. Der Theil von Ostpreussen, den ich bis daher gesehen hatte, ist meistens sehr fruchtbar; der Städter und Landmann lebt zwar nicht im Ueberfluß, doch meistens ohne grose Nahrungssorgen. Die Städte sind gut gebaut, und man sieht einzelne geschmackvolle Häuser. Was mir besonders gefiel, sind die sehr großen Marktplätze, sogenannte Ringe, in den Städten, worauf die Bewohner einen sehr grossen Werth zu legen scheinen. Die Dörfer zeugen von ziemlicher Armuth, ohne jedoch eigentlich ärmlich zu seyn, und sind meistens rein gehalten.
Fünftes Capitel.
Bis hieher hatte ich, den Marsch durch Pohlen ausgenommen, gute Tage verlebt, und in meinem ganzen bisherigen Leben zählte ich wenige Tage des Leidens, aber keine der Noth. Jetzt sollte ich alle erdenklichen — die gräßlichsten Scenen des Unglücks, Jammers und Elends nicht nur sehen, sondern selbst fühlen. Hievon aber war noch kein Gedanke in mir. Die goldenen Träume von Rußland waren zwar durch die Erzählungen der Pohlen und Preussen entschwunden, und ich war nüchtern geworden, aber weder ich, noch andere hatten nur eine Idee von dem Gräßlichen, das uns bevorstand. // S. 28//
Mit minder leichtem Mute trat ich am 4. Juny den Marsch nach Olezko an. Nach einigen Tagen traf ich mit meinem Regiment zusammen, und betrat am 14.ten zum zweytenmale das Herzogthum Warschau. In Würballen wurde uns noch etliche Tage Ruhe gegönnt, die zur Requisition von Lebensmitteln aus der Umgegend benützt wurde. Auf Napoleons Befehl versah sich jedes Regiment auf 23. Tage mit Lebensmitteln. Starke Commandos durchzogen diesen ganzen Theil des Herzogthums Warschau, durchsuchten die Häuser, nahmen an Lebensmitteln, was zu finden war, und liessen den Einwohnern nur einen 8tägigen Bedarf. Auch ich hatte eines jener empörenden Commandos, und noch ergreift mich beym Gedanken an dasselbe ein Schauer. 8. Tage nachher beym Uebergang über den Niemen wurde der grössere Theil dieses Raubes stehen gelassen, ob auf höhern Befehl, oder Veranstaltung der französischen Commissärs, weiß ich nicht, so viel aber ist gewiß, daß diese die Ungeheuern Vorräthe nachher um grose Summen verkauften.
Am 18. Juny fieng die große Armee an, sich näher zusammen zu drängen, und große Truppenmassen schoben sich gegen die Ufer des Niemens hin. Ein kleines Intermezzo machte noch bey Mariampol die Heerschau des Divisions-Generals Montbrun über etwa 10,000. Mann Cavallerie, aber noch am nämlichen Tage glaubten wir den Feldzug eröffnen zu müssen, da wir // S. 29// mehrere Stunden in ausgesetztem Trabe vorrückten. Am 22. und 23. Juny wälzten sich endlich über die weitausgedehnten Ebenen dicht gedrängt unabsehbare Massen an den Gränzfluß vollends hinan, und harrten nun des Zeichens zum Uebergang. Schon mehrere Tagmärsche hatte die französische Armee ihren Zug durch Raub und Verwüstung des armen Landes bezeichnet, wie sollte es nun in Feindes Land werden?
Abends am 23. Juny wurden 1. Stunde oberhalb Kowno 2. Pontonsbrücken ohne Hinderniß geschlagen, und einige Cavallerie-Regimenter setzten über.
Am 24. Juny Morgens mit Tages-Anbruch fieng der Uebergang der grosen Armee über den verhängnisvollen Strom an. Es war ein herrlicher Morgen; aber Nachmittags umzog ein furchtbares Gewitter den Horizont, und goß den Regen in Strömen herab. In 2. Tagen, die Nächte mit eingeschlossen, während welcher Zeit ein Regiment und ein Corps immer das andere drängte, war der Uebergang vollbracht.
Die Division des Generals Watier de S[ain]t Alphonse an der Spize der Armee, gieng in 2 1/2. Tagen{618} über Rumzisky und Zismory bis Sobilisky halbwegs{619}Troky vor. Die wenigen Feinde, die sich hie und da sehen liessen, wichen schnell zurück, ohne ihr Glück mit uns versuchen zu wollen; den 26. Abends zeigten sie sich in bedeutender Menge, kehrten aber, als sie uns zum Angriff // S. 30// gerüstet sahen, bald wieder zurück. Am 27. rückte die ganze Armee näher zusammen, um bey Wilna mit der russischen Armee zu schlagen, aber die Russen verbrannten nur die Hauptmagazine in Wilna, zerstörten die Brücke über die Wilia, und ließen die grose Armee beinahe ohne Blutverlust den 29. in Wilna einziehen. Auf 2. Strassen drängte sich von hier aus die grose Armee so schnell als möglich vorwärts, um die fliehenden Russen zu erreichen, welche ihren Rückzug auf Dünaburg hin nahmen. Unsere Division hielt sich auf einer Neben Strasse, welche über Widsy und Braslaw führt. Die leichte Reiterey der Feinde machte nun bey nahe täglich Miene, sich halten zu wollen, und nahm kleine Gefechte mit der unsrigen an; der Verlust war auf beiden Seiten unbedeutend, aber die Russen erreichten ihren Zweck, unser Vorrücken aufzuhalten. Bey Swinsiany sollte am 4. July Rasttag gehalten werden, und nun griffen die Russen an, und brachten uns wenigstens um den halben Nutzen des Ruhetags.
Den 5. July sehr früh trat das Corps den Marsch wieder an und holte nach 1/2. Stunde den absichtlich langsam zurückgehenden Feind ein. Rasch sollte der Angriff beginnen, aber noch rascher hatte sich der gröste Theil der russischen Arrieregarde zurückgezogen, und einen Theil seiner Plänkler, so weit es das Terrain zuließ, rechts und links an der Straße vertheilt. // S. 31//
Unter unaufhörlichem Geplänkel und manchen Neckereyen von Seiten der Russen, kamen wir nach 5. Stunden sehr ermattet vor einer Anhöhe an, wo der General Wittgenstein{620} mit dem Herzog Alexander von Württemberg neben dem Dorfe Daugelisky eine Stellung genommen hatte, die durch einen vor ihr liegenden sumpfigen{621} Bach, durch mehrere Moräste und struppiges Buschwerk dem Angreifer bedeutende Schwierigkeiten entgegen stellte.
Der König von Neapel, seit 2. Tagen Führer des ganzen Cavalleriecorps, schob unsere Brigade als Spitze zum Angriff vor, und stellte sie einstweilen in das gutgerichtete feindliche Canonenfeuer, als er aber die Schwierigkeiten des Terrains sah, gab er Befehl zum Rückzug, um vorher Menschen und Pferde wieder Kräfte sammeln zu lassen, und die feindliche Stellung näher zu recognosciren. Während dieser Zeit hielt eine Parthie Plänkler die feindlichen leichten Truppen zurück. Um 4. Uhr Nachmittags sollte der Angriff beginnen. Mit wenigen aber kräftigen Worten ermahnte der Oberste v[on] Waldburg sein Regiment zur Tapferkeit, und erinnerte es an die Aehnlichkeit des heutigen Tages mit dem von Linz{622}, und keiner bezweifelte die Eroberung der russischen Batterie. An der Spitze der Brigade umgieng das Regiment Herzog Louis durch ein unwegsames Gestrüppe einen Morast, traf wieder auf die Heerstraße, setzte in vollem Gallopp unter dem heftigsten Kanonenfeuer der Russen über die Brücke // S. 32// des Baches am Fuße der feindlichen Anhöhe, und formirte sich zum Angriff. Schnell zog sich die russische Artillerie zurück, und{623} ein Dragoner Regiment erwartete den Angriff. Es hielt den [sic!] Ungestüm der Württemberger nicht aus, sondern mußte sogleich weichen. Eben dasselbe that das 2.te Regiment, aber das 3.te hielt Stand, und drängte die braven Reiter, welche sich vergeblich um Securs{624} umsahen, endlich zurück. Hiedurch sah sich die 4.te Schwadron des Regiments, (bey der ich stand) welche zur Deckung des rechten Flügels einige Schwadronen Kosaken verjagt hatte, gleichfalls zum Rückzug genöthigt. Nun kamen zwar endlich die 2. andern Regimenter der Brigade heran, allein zu spät, und die ganze Frucht des tapfern Angriffs waren einige gefangene Soldaten und Pferde, wogegen von unserer Seite der OberstLieutenant Prinz von Hohenlohe in Gefangenschaft gerieth. Die Russen fanden aber für gut, einen 2.ten Angriff nicht abzuwarten, sondern zogen sich schnell zurück. Eine halbe Stunde nachher musterte der König von Neapel das Regiment, beehrte es, als er die Fronte hinabritt, mit dem Ausruf: foudre, vous avez bien charge!{625} und versprach grose Belohnungen, die jedoch ausblieben. An diesem und dem folgenden Tage kamen sehr viele Ueberläufer, alle aus Russisch Pohlen.
Unser Verlust an diesem Tage war unbedeutend, um so auffallender war der grose Verlust der Russen an Menschen, besonders aber an Pferden. Durch dieses Gefecht gelangten wir übrigens wieder // S. 33// zur Ueberzeugung , daß die Russen Stand halten können, wenn sie wollen.
Die Herstellung mehrerer abgebrannten [sic!] Brücken veranlaßte Tags darauf bey Daugelisky und den 8. bey Widzy Ruhetage, und nur kleine Abtheilungen von leichter Reiterey konnten zur Recognoscirung der Gegend und des Feindes ausgeschickt werden. Den 10.ten erreichten wir Braslaw, etwa 1 1/2. Tagesmärsche von Dünaburg.
Nach einem abermaligen Ruhetage, welchen die Ungewißheit über die Stärke des Feindes veranlaßt haben mochte, zogen wir uns rechts gegen Druja hin, und kamen den 13. Abends in der Nähe dieser Stadt und der Düna an. Den andern Tag war Druja von dem russischen Cavalleriecorps, dem zur Seite wir hieher gezogen waren, verlassen, und da man nicht wußte, wohin es sich gewendet hatte, noch viel weniger aber seine Stärke kannte, so zog die Division auf Ikossna zurück, verstärkte sich dort mit einer 2.ten Division, und gieng Tags darauf wieder gegen die Düna vor. Bis zum 20. Juli einschlieslich wurden an der Düna auf und ab Demonstrationen gemacht, bis sich die grosse Armee gegen Dießna hin zusammen gezogen hatte, um die Haupt Armee des Feindes, welche mit der Verlassung der Schanzen bey Dünaburg ihren (wirklichen oder Schein) Plan, nach Riga sich zurückzuziehen, aufgegeben, und nun den Weg nach Pollozk, von wo ihr noch die Straßen nach Petersburg und Moskau offenstanden, eingeschlagen hatte, schnell zu verfolgen, und // S. 34// sie wo möglich zu einer entscheidenden Schlacht zu bringen.
Den 21. Juli trafen wir mit der grosen Armee bey Diesna zusammen, und Tags darauf sollte ein Cavalleriecorps von etwa 18. Regimentern auf das rechte Dünaufer übersetzen. — Bis hieher hatte sich die russische Armee zurückgezogen, ohne sich in ein einziges bedeutendes Gefecht einzulassen, und die wenigen Scharmützel, die sie lieferte, konnten dem Ganzen keine andere Wendung geben. Mancher Kampflustige in unserer Armee fürchtete, es möchte Friede gemacht werden, ehe die Russen ein einzigesmal zum Schlagen gebracht würden.
Die Vertheidigung ihres Antheils an Pohlen scheint nicht in dem Plan der Russen gelegen zu haben, wohl aber die Verheerung desselben. Ueberall wo wir hinkamen, hatten dieselben die Wohnungen niedergebrannt, die Einwohner in das Innere der Wälder verjagt, und uns nichts als rauchende Trümmer und Brandstätten hinterlassen, alles Vieh war entweder von der russischen Armee wegetrieben, oder von den Einwohnern geflüchtet, alle Vorräthe an Lebensmitteln für Menschen und Vieh waren bey Seite geschafft, oder verbrannt, und die diesjährigen Feldfrüchte hatten die Zeitigung{626} noch lange nicht erreicht. In Wilna allein waren noch Lebensmittel zu finden, allein sie wurden sogleich zum Unterhalt der Garden, welche in mäsigen Tagmärschen der Armee folgten, bestimmt. // S. 35//
Durch diese Verheerungen wurde die grose Armee in ihren raschen Fortschritten natürlicherweise sehr gehemmt, es stellte aber auch die natürliche Beschaffenheit des Landes sehr bedeutende Hindernisse in den Weg. Der gröste Theil des Weges vom Niemen nach Wilna, und von da noch etwa 15. Stunden weiter, im Ganzen etwa eine Strecke von 45. Stunden und ungefähr 1. Tagmarsch von Diesna mit 8—10. Stunden ist so sandig, der übrige Weg aber vom Niemen bis Diesna war{627} so löchericht{628} und so zu sagen bodenlos, daß er bey der besten Witterung nur mit Mühe und Anstrengung gebraucht werden konnte, und diese Mühseligkeiten wurden noch durch die zwar kurzen, aber desto steilem Abhänge und übrigen De- fileen{629}, von welchen allen das eben gesagte in höherem Grade gilt, auf das Höchste gesteigert.
Alles dieses war jedoch noch nicht genug, sondern es trug auch die Witterung zu unserem Verderben ihr möglichstes bey. Vor dem Uebergang über den Niemen hatte uns eine anhaltende drückende Hitze fast ausgedörrt, mit dem Uebergang über den Niemen fieng ein 3.tägiges Regenwetter an, wo sich das Wasser stromweise vom Himmel ergoß, dann Sonnenschein und wieder mehrtägiger Regen, hierauf unerträgliche Hitze und zur Abkühlung wieder Regenwetter, als // S. 36// wollte sich der Himmel alles seines Wassers entladen.
Wenn man nun die starken Tagemärsche, deren es in dieser Zeit viele gab, in Erwägung zieht, hiebey die fürchterlichen Plazregen in steter Abwechslung mit der drückenden Sonnenhitze, und die tief sandigten, löcherichten und morastigen Wege und steilen Defileen ebenfalls nicht vergißt, und ferner bedenkt, daß, wie schon oben gesagt, der mit so vieler Mühe und unter so manchen Mißhandlungen erworbene Vorrath an Lebensmitteln am Niemen eine Beute der französischen Commissärs ward, und manchen Regimentern nicht auf 3. Tage Vorrath blieb, und daß auch dieser bey der allgemeinen Verheerung von Seiten der Russen nirgends mehr ergänzt werden konnte, und daß nun die ganze Nahrung wohl bey 4/5. der Armee aus Fleisch von schlechtem, abgetriebenem Rindvieh, wovon jedes Regiment wenigstens Eine Heerde nachführte, und das Getränk nicht etwa aus geringem Branntwein, oder wenigstens gutem Wasser, sondern aus stinkendem
Cisternen- und faulem Wasser bestand, wenn man dieß alles bedenkt, so wird es keine Verwunderung erregen, daß schon 2. bis 3. Tage nach dem Uebergange über den Niemen mancherley Krankheiten, namentlich bey den Fußgängern{630} ausbrachen, und etliche Tage später sich auch bey den Reutern äusserten. Diese Krankheiten bestanden hauptsächlich in Diarrhöe und Wechsel- und Nervenfiebern.{631} Zu Vergrösserung aller dieser Unfälle diente vorzüglich // S. 37// auch der Mangel an Futter für die Reut- und Zug-Pferde, welche früher an das beste Futter gewöhnt, nun mit grün abgemähten Früchten sich begnügen, dabey jeder Witterung trozen, und die äussersten Strapatzen ausdauern sollten.
Schon vor Wilna waren hunderte vor Mattigkeit gefallen, und als die Armee die Ufer der Düna erreicht hatte, waren es tausende von Pferden weniger. Alle diese Umstände, so wie sie zur Schwächung des Heeres dienten, führten als natürliche Folge auch eine Zügellosigkeit herbey, welche mit dem schnellem oder langsamem Fortschreiten zur gänzlichen Auflösung der einzelnen Heeres-Abtheilungen immer gleichen Schritt hielt. Unaufhaltsam gieng die ganze Armee ihrem Verderben entgegen, aber allgemein war der Glaube und die Hoffnung, die Eroberung der Hauptstadt Moskau oder Petersburg müsse den Frieden bringen, und die Uebriggebliebenen vom Untergange retten. In diesem Zustande, mit diesen Hoffnungen, aber an Mannschaft um 1/15. schwächer war die grose Armee den 22. July bey Diesna und in der Umgegend an der Düna versammelt.{632} —
Mit gespannter Erwartung war ich an dem Niemen angekommen. Der Eintritt in Feindesland erregte bey mir trübe Ahnungen. Hunderttausende waren wohl unsere Kampfgenossen, Männer in der schönsten Blüte des Alters. Jauchzend überschritten sie den verhängnißvollen Fluß. Eine düstere Stille empfieng // S. 38// sie am feindlichen Ufer. Ueberall dunkle Waldungen, selten eine verlassene Wohnung, noch seltener verödete Dörfer, nirgends ein Bewohner des Landes. Das Schicksal dieser Hunderttausende, deren ich Einer war, fiel mir schwer auf's Herz. —
Bey dem Uebergang über den Niemen hatte ich die Ehre, als Ordonanz-Officier zum General Montbrun commandirt zu werden, eine Ehre, die ich bey dem Mangel an Fertigkeit in der französischen Sprache gerne abgelehnt hätte. Indessen dauerte dieser Auftrag nicht länger als 3. Tage. Wenn ich bey Tage im Gefolge des Generals, oder mit Befehlen verschickt, meine Pferde und mich müde geritten hatte, so ward mir gleichwohl bey Nacht keine Ruhe zu Theil. Die erste Nacht brachte ich unter heftigen Regengüssen an einem erlöschenden Feuer zu, wo ich, ohne Lebensmittel, den Egoismus der Franzosen, denen es nicht daran fehlte, die aber nicht gerne mittheilten, verwünschte, und in der andern Nacht ward ich zum König von Neapel verschickt, wo ich mich wenigstens eines guten Mahles zu erfreuen hatte.
Am 26. kam ich wieder bey dem Regiment an, allein schon am 29. traf mich die Reihe, die Bagage zu führen. Das Corps rückte schnell vorwärts, ich mit schweren Wägen{633}, abgetriebenen Pferden, unter unaufhörlichem Regen langsam nach. In vielen Defileen blieben Wägen und Pferde stecken, verrammelten den Weg, verhinderten das Nachrücken der folgenden, und so // S. 39// gelang es mir weder an diesem Tage, noch an den 3. folgenden, mein Regiment wieder zu erreichen, und erst am 4. Juli Abends, nach unzähligen Mühseligkeiten, die bey dem Commandanten nur theilweise Anerkennung fanden, traf ich wieder beym Regiment ein, und hatte von Glück zu sagen, daß ich nicht mehr als 1/3. der Lebensmittel und Bagagewägen aus Mangel an Bespannung zurücklassen mußte. In Wilna konnte und durfte ich mich mit meinen Wägen nicht aufhalten, auch hätte ich davon durchaus keinen Nutzen gehabt, weil auch nicht um Geld Lebensbedürfnisse von den erschrekten Einwohnern zu bekommen waren. Wilna ist eine schöne grose Stadt. — Am Tage nach meiner Wiederankunft bey dem Regiment wohnte ich dem Gefechte bey Daugelisky bey. Tags darauf stand ich auf Piquet. Am 8. July machte ich mit Rittmeister v[on] Reinhardt eine grose Recognoscirung bis Obsa. Mehrere Tage lang hatte ich an einer heftigen Diarrhöe, die ich in Folge des faulen Sumpfwassers und des abgetriebenen Fleisches erhalten hatte, bedeutend gelitten.
Sechstes Capitel.
Am 22. July erfolgte bey Diesna der Uebergang eines Cavalleriecorps, worunter mein Regiment, über die Düna. Mehrere Versuche, Brücken zu schlagen, hatte der reissende Fluß und // S. 40// sein Felsenbett vereitelt.{634} Wir schwammen colonnenweise über den Strom, aber mancher Reiter und noch mehr Pferde verloren im Wasser ihr Leben. Wir schlugen die Straße nach Pollotzk ein, erreichten Tags darauf diese Stadt, ohne auf ein bedeutendes feindliches Corps zu stossen, und erst am 24. Abends, als wir gegen Witepsk vorrückten, zeigten sich feindliche Colonnen, die aber schnell zurückwichen. Am 25. gab es ebenfalls nur unbedeutende Plänkeleyen, am 26. jedoch hielten die Russen festen Stand, und der Weg nach Witepsk öffnete sich nur nach einem nicht unblutigen Gefechte. Auf dem andern Ufer der Düna hatte am 26. und 27. die Schlacht bey Witepsk statt, worin die Russen grose Massen und viele Tapferkeit entwickelten.{635} Den 28. July marschirten wir wieder 2. Stunden an der Düna abwärts, durchschwammen diesen Fluß, giengen über das Schlachtfeld bey Witepsk, sezten schwimmend über den Obol, und kamen durch die Stadt Witepsk. Ohne Aufenthalt rückten wir auf der kleinen Straße gegen Smolensk vor, und erreichten am 29. Liosna. Nach einem Ruhetage giengen wir mit der Division Sebastiani bis Rudnia vor, und am 1. August bis Inkowo. Eine am 3. vorgenommene Recognoscirung bestimmte den General bis zum 6. dort stehen zu bleiben, wo der Feind wieder heranrückte, und der General angemessen fand, sich 1. Stunde weit bis Lendzi zurückzuziehen, und eine vorteilhafte Stellung zu nehmen. Allein schon Tags darauf zeigten sich die Russen in noch gröseren Massen, und am 8. August // S. 41// fielen sie mit bedeutender Uebermacht über die 7. Regimenter starke Division her, und zwangen sie nach einem heftigen Gefecht, in dem unser Regiments-Commandant Graf v[on] Waldburg und der Regiments-Adjutant v[on] Batz verwundet und gefangen wurden, zum Rückzug auf das Hauptcorps des Generals Montbrun bey Rudnia. Hier blieben wir, vielfach vom Feinde geneckt, aber nie angegriffen bis zum 13. Aug[ust] stehen. Während wir auf dieser Seite die Armee deckten, hatten sich nach und nach die verschiedenen Corps in und bey Witepsk gesammelt. Mehrere Ruhetage sollten die Truppen in den Stand setzen, mit erneuerten Kräften dem Feinde entgegen gehen zu können. Wenn auch die Lebensmittel spärlich vorhanden waren, so trugen doch die Ruhe und die gute Witterung zur Erholung der Truppen etwas bey.
Von der Düna an hatte das Land ein freundlicheres Aussehen, weniger Wald und Sumpf, mehr angebautes Feld, bessere und zahlreichere Dörfer, mehr und schönere Städte und Städtchen. Die zurückziehenden Russen hatten hier nicht mehr gesengt und gebrannt, sondern mit der Zerstörung aller Arten von Lebensmitteln und der Entfernung des grösten Theils der Einwohner und ihrer Habseligkeiten sich begnügt. Die Witterung war beständiger geworden, die Wege darum wieder besser, und der Verlust der Armee an Mannschaft und Pferden war geringer, als vom Niemen bis zur Düna.
Von dem Uebergang über die Düna an bis zum Gefecht bey Lendzi // S. 42// am 8. August war es mir wieder besser ergangen. Bey diesem Gefechte hatte ich das Glück zu rühmen, daß ich im Handgemenge keine
Verwundung erhielt. Ein Rückzug, wie er hier von uns ausgeführt wurde, ist gewiß einem Siege gleich zu schätzen, denn der grosen Uebermacht des Feindes gelang es auch nicht einen Augenblick, nur die geringste Unordnung bey uns zu verursachen, und selbst der Rückzug durch unser Lager, wo die Campirsailer{636} noch zum Theil aufgespannt waren, und manche darüber hinstürzten, vermochte nicht, uns aus unserer Haltung zu bringen. Aber freilich konnte auch nur diese feste Haltung uns retten. Durch das Gefecht dieses Tages hatte mein Regiment mit dem Lager sämtliche Lebensmittel und Fourage verloren, und die Tage auf dem Bivouacq bey Rudnia bis zum 13. August waren Tage des Hungers und der Entbehrung. Hatten Mannschaft und Pferde sich vorhin wieder etwas erholt, so zehrten die Strapazen des lezteren Bivouacqs die gewonnenen Kräfte wieder auf, denn auf den äussersten Vorposten stehend mußten wir jeden Augenblick zum Aufbruch bereit seyn, und jeden Morgen von halb 2. bis 5. Uhr in Erwartung eines Ueberfalls zu Pferde sitzen.
Siebentes Capitel.
Um die Mitte des Augusts, als die Absicht der Russen, // S. 43// ihren Rückzug auf Moskau zu nehmen, offenbar geworden war, brach die grose Armee aus der Umgegend von Witepsk wieder auf, rückte gegen Smolensk vor, nahm diese Stadt mit Sturm, lieferte im sogenannten h[eiligen] Thale dem Feinde eine blutige Schlacht, und traf endlich am 4. Sept[em]b[e]r unter fortwährenden Gefechten in der Nähe von Mosaisk ein. Hier hatten die Russen eine feste Stellung genommen, die sie auf's aeusserste vertheidigen zu wollen schienen. Hier sollte über den Besitz von Moskau entschieden werden. Den 5. Sept[em]b[e]r wurde nach grosem Blutvergiesen eine feindliche Schanze genommen, durch deren Verlust die russische Stellung bedeutend gefährdet wurde.{637} Allein ohne eine Schlacht zu wagen, konnte der russische Feldherr{638} die zweite Hauptstadt des Reiches nicht aufgeben, und so suchte er denn unter grosen Anstrengungen die verlorne Schanze wieder zu gewinnen, jedoch vergeblich. Der 6.te Sept[em]b[e]r war nun für beide Heere ein Tag der Ruhe, und zugleich der Vorbereitung auf das blutige Schauspiel, das den folgenden Tag aufgeführt werden sollte.
Unsere Division marschirte am 13. August von Rudnia ab gegen Liosna zurück, und deckte bis zum 21. durch verschiedene Hin- und Hermärsche den linken Flügel der grosen Armee. Nirgends stiessen wir auf bedeutendere feindliche Streitkräfte. Am 21.ten rief uns höherer Befehl von dieser Bestimmung ab, und wieder rückwärts über Inkowo und Lendzi bis Liosna, um den Rücken der // S. 44// Armee von einem feindlichen Streifcorps zu säubern. Nachdem uns dieß ohne grose Mühe gelungen war, giengen wir über Babinowieszi und Usjanikowa wieder vorwärts gegen Smolensk, wendeten und dann aber links nach Parezia, und gelangten am 31. August über den Dniepr in Dorogobusz auf die grose von Smolensk nach Moskau führende Straße. Von hier an rückten wir der grosen Armee in forcirten Tagmärschen nach über Wiasma und Gsziat, und erreichten sie am Vorabend der Schlacht bey Mosaisk.
Auf unserem ganzen Marsche vom 13. August bis 6. Sept[em]b[e]r hatten wir kein Gefecht von Bedeutung zu bestehen, und nur einzelne unbedeutende Angriffe auf unsere Avant- oder Arriere-Garde, auf Vedetten{639} und Fouragierende, gaben das Daseyn des Feindes zu erkennen. Das Land, das wir zu Vertreibung des feindlichen Streifcorps durchzogen, lag ausser der Marschroute der grosen Armee, und war darum von den Bewohnern nicht verlassen. Doch hatten diese ihre besten Habseligkeiten geflüchtet, und die einzige Beute, die wir machten, bestand in so viel Lebensmitteln, als unser kleines Corps zur Subsistenz auf einige Tage bedurfte. Die Bewohner selbst zeigten sich natürlich äusserst zurückhaltend, und wir hatten durchaus keinen Verkehr mit ihnen. Die an die grose Heerstraße näher angrenzenden Gegenden waren schon bey unserer Ankunft von den Bewohnern verlassen worden. Ausser solchen Gegenständen, die schwer wegzuschaffen sind, wie grose BranntweinFässer p.p. fanden // S. 45// wir keine Lebensmittel vor. Auf unserem Zuge auf der grosen Heerstraße von Dorogobusz an im Rücken der Armee fanden wir Alles verwüstet und zerstört. Dorogobusz, Wiasma, Gsziat, alle drey bedeutende Städte, und letzteres eine schöne Stadt, waren öde, gröstentheils niedergebrannt, nirgends ein Einwohner; die an der Straße gelegenen Dörfer waren ebenso verlassen, aber in geringerem Grade verwüstet. Die eben genannten 3. Städte hatten bereits französische Besatzungen erhalten, die sich's in den übriggebliebenen Häusern, den vielen und zum Theil sehr schönen Kirchen und Klöstern so bequem als möglich machten. Die Witterung war bis daher gut gewesen, im August waren die Tage zum Theil noch sehr heiß, aber die Nächte fiengen an, kühl und bald kalt zu werden. Wenn dieser Wechsel der Temperatur auf unsere Gesundheit von nachtheiligem Einflüsse war, so mußte dieß noch weit mehr bey der großen Armee der Fall seyn. Wir trafen von Dorogobusz an überall viele, oft sehr viele Soldaten, die an der Straße aus Entkräftung liegen geblieben, und aus Mangel an Hülfe gestorben waren. Bey dem schnellen Vorrücken, und der von Smolensk an wieder sich zeigenden Verheerung von Seiten der Russen wäre es selbst dem besten Willen und den thätigsten Anordnungen nicht möglich gewesen, Spitäler zu Aufnahme der Kranken und Entkräfteten zu errichten. So wie die Kräfte der Menschen schwanden, ebenso schwanden die der Pferde dahin. Diese, früher an den nährenden Haber{640} gewöhnt, // S. 46// hatten durch die Entbehrung dieses Futters, und auf blossen grünen Roggen beschränkt, zwar weniger das runde Aussehen, als vielmehr ihre Kräfte verloren, und fielen in Folge eines starken Rittes zu Hunderten. Wir trafen an der grosen Heerstraße ihrer in Menge, und bildeten uns daraus eben nicht die vortheilhaftesten Begriffe von dem Zustande der Cavallerie und der Artillerie bey der grosen Armee.
Bey unserer Ankunft bey der grosen Armee am Abend des 6. Septfernher] trafen wir alles munter und guter Dinge. Die Nähe von Moskau, das Ende der Entbehrungen, das man von der Einnahme dieser Stadt erwartete, bey Manchem wohl auch die reiche Beute, auf die er rechnete, endlich vor Allem die Gelegenheit zur Auszeichnung, die der morgende{641} Tag ohne Zweifel in Fülle{642} darbot, hatte alle Gemüther erregt, und bey unserm Einzug in das Lager empfiengen wir von allen Seiten Glückwünsche über unsere zeitgemäße Ankunft. Es herrschte ein reges Leben, und wer nicht die meistens abgezehrten und blassen Gesichter betrachtete, hätte glauben können, er befinde sich in einem Lager, das an Genüssen aller Art Ueberfluß hat. Indessen waren die Waffen in brauchbaren Stand gestellt, und von oben herab kam der Befehl, sich bald zur Ruhe zu begeben, um morgen bey Zeiten das Tagwerk beginnen zu können. Viele legten sich sorglos und freudig nieder, und dachten nicht, daß dieß die lezte Nacht ihres irdischen Lebens sey, alle aber hatten nur Einen Gedanken, // S. 47// den, daß es so nicht länger mehr gehen könne, daß es besser werden müsse, durch die Eroberung von Moskau, wo nicht, doch durch den Uebergang in eine andere Welt. Die numerische Stärke der Armee war freilich sehr geschmolzen, aber die immer noch sehr bedeutenden Ueberreste bestanden aus den kräftigsten und erprobtesten Kriegern, und das feurige und kühne Auge in dem obgleich abgezehrten Gesichte versprach gewißen Sieg.
Vom 13. August an war mir nichts Erhebliches begegnet. Ich theilte Leiden und Freuden immer mit dem Regimente. Anfangs Mangel leidend, darauf im Ueberfluß lebend — was nemlich damals für Ueberfluß galt, Branntwein, Brod und Fleisch zur Nothdurft — endlich wieder der dringendsten Lebensbedürfnisse entbehrend, war ich zwar gesund, aber ziemlich kraftlos, ohne Subsistenzmittel{643}, bey der grosen Armee angekommen, und eine elende BrodSuppe mit einem Lichtstümpfchen geschmälzt, war die einzige Stärkung, die mir der Vorabend der grosen Schlacht darbot. Gleichwohl vergnügt, die Mahnungen meines Magens nur einigermaasen beschwichtigen zu können, genoß ich die eckle{644} Speise mit grosem Appetit, legte mich zur Ruhe nieder, und schlief gleich den Andern, so ruhig, wie wenn der folgende Tag ein gewöhnlicher, und seinen Brüdern wie ein Ey dem andern ähnlich seyn sollte.
Mit Tagesanbruch war die ganze Armee auf den Beinen. Schon fielen einzelne Flintenschüsse. Das Regiment saß auf, schloß // S. 48// sich an die 2. übrigen Regimenter der Brigade an.{645} Ein französischer Adjutant erschien, ein Papier in der Hand. Es enthielt die kurze, aber kräftige Proclamation Napoleons an seine Armee. Der Oberst las sie vor. Die Truppen wurden an ihre früheren Siege erinnert. Der Sieg und die Einnahme von Moskau verhießen das Ende der Leiden. Allgemein war der Enthusiasmus. Nicht lange, so fielen mehrere Kanonenschüsse, und die Schlacht begann. Auf allen Seiten donnerte das Geschüz. Oft war das Kleingewehrfeuer nicht mehr hörbar vor dem Gebrüll der Kanonen. Wir rückten in die Linie ein, und vor. Einzelne russische Kugeln begrüßten uns, das Handgemenge war vorne allgemein geworden. Wir standen in einem Hagel von Kartätschen.{646} Polnische Landers{647} waren geworfen, und kamen erst hinter unserer Fronte wieder zum Stehen. Wir waren im Begriff, anzugreifen, der Feind wartete es aber nicht ab, sondern gieng zurück, und Kartätschen von der einen, und Kanonenkugeln von der andern Seite wütheten in unsern Reihen. Ein Defilee vor uns wurde genommen. Schnell rückten wir durch dasselbe vor, in dessen Tiefe wir für einige Augenblicke Schutz fanden vor den Verheerungen des feindlichen Geschützes. Am jenseitigen Rande mähte die Kartätsche noch fürchterlicher unter uns, und wir rückten schnell vor. Mehrere Angriffe{648} der vor uns stehenden Reiterey wurden abgeschlagen, wir hielten, während auf andern Seiten die Infanterie ihre grausige Arbeit fortsetzte. Eine halbe Stunde //S. 49// lang waren wir einem mörderischen Feuer ausgesetzt. Endlich giengen wir wieder vorwärts, und grose Massen Cavallerie standen uns entgegen, deren Meister wir wohl nicht geworden wären. Vier und zwanzig Stücke Geschütz eilten herbey, und spielten auf die feindlichen Massen. Neun Regimenter kamen zu unserer Unterstützung, und mehrere feindliche Angriffe wurden glücklich abgeschlagen. Immer noch wüthete unter uns das Geschütz der Russen. Endlich waren die Hauptpositionen des Feindes genommen, und die russische Armee begann ihren Rückzug. Die Reiterey und Artillerie vor uns war nach und nach verschwunden. Das Kanonen- und KartätschenFeuer gegen uns hatte aufgehört. Noch spielte auf unserer Seite eine Batterie von 6. Stück, während in einem Gebüsche vor uns nur noch eine Abtheilung russischer Jäger stand, welche es auf die Offiziere abgesehen hatten. Neben mir ward ein Offizier verwundet, und im nämlichen Augenblick erhielt ich einen Prellschuß auf den Kopfreif meines Kaskets, der mich betäubte, und zu Boden stürzte. Die Schlacht war gewonnen, und nur noch einen Angriff machte das Regiment nach meiner Verwundung.
Es war halb 6. Uhr, als ich verwundet das Regiment verlassen mußte. Mit mir hatten an diesem Tage das gleiche Schicksal noch 4. Officiere des Regiments, und einer war geblieben.{649} Von den 180. Mann, die das Regiment Morgens noch zählte, war die Hälfte theils todt, theils verwundet. Unser Brigade- // S. 50// General und sein Nachfolger, der Divisions-General und seine 2. Nachfolger im Commando waren die 3. ersteren und der letzte blessirt, der 4.te todt. Der Corpscommandant, General Montbrun, ward von einer Haubitze getödtet.
Die Trophäen der Schlacht waren unbedeutend. Kaum einige 100. Gefangene, und nicht Eine brauchbare Kanone fielen in unsere Hände. Die Russen hatten mit groser Tapferkeit und Erbitterung gefochten, viele von ihnen waren betrunken. Achthundert Kanonen hatten von beyden Seiten den Tod verbreitet.{650} Der Verlust an Todten und Verwundeten belief sich auf beyden Seiten über 40,000 Mann, besiegt, aber nicht geschlagen zogen sich die Russen zurück.{651}
Ich wurde zur württembergischen Ambulance zurückgebracht. Unterwegs kam ich an dem Kaiser vorbey. Er schien ziemlich kalt, und mochte wohl einen glänzenden Erfolg sich versprochen haben.
Der Regiments-Arzt Roos verband mich.{652} Viele Bekannte traf ich da, mehr oder minder schwer verwundet, mehrere verstümmelt, einige hatte schon ihren letzten Athem ausgehaucht. Ich gieng von einem Jäger, der mich unterstützte, begleitet, weiter zurück, hatte das Glück, etwas Brod und Branntwein für 2. preussische Thaler zu erhalten, und schlug mit andern württembergischen Verwundeten mein Nachtlager an einer Scheune auf, von wo ich am folgenden Tag mit ihnen in das Dorf Elnia, eine halbe Stunde vom Schlachtfeld, gebracht wurde. Hier wurden die verwundeten Württemberger in mehrere // S. 51// Häuser verlegt, und sollten da ihre Genesung abwarten. —
Seit dem 21. Juny war ich das erstemal wieder unter Dach. Bis dahin hatte ich die Nacht theils unter freyem Himmel, theils in Baracken von Stroh zugebracht. Oft lag ich auf der blosen Erde, wenn sich über mir der Himmel in Strömen ergoß, oft waren mir die Kleider am Leibe mehrere Tage nicht trocken geworden. Schon hatte sich in Folge der unvermeidlichen Unreinlichkeit hie und da Ungeziefer gezeigt. Von unserem Uebergang über den Niemen an war meine Nahrung schlecht gewesen. Schon in den ersten Tagen fehlte das Brod, die einzige Nahrung bestand aus Rindfleisch und elendem Kornbranntwein. Zuweilen glückte es mir, Brod zu erhalten, aber Mund und Schlund sträubten sich gegen dessen Genuß, weil das Korn nur halb zermahlen war, und die reichliche Beygabe von Roggenangeln{653} Kauen und Schlucken anfänglich gefährlich, nachher wenigstens beschwerlich machte. In Folge der schlechten Lebensmittel und des häufig noch schlechtem, aus Cisternen geschöpften, faulen, doch eiskalten Wassers stellte sich zwischen Wilna und der Düna eine Diarrhöe bey mir ein, die mich dergestalt entkräftete, daß ich kaum ohne fremde Hülfe mein Pferd zu besteigen vermochte. Nach etwa 8. Tagen verlor sich zwar der Durchfall wieder, aber die entschwundenen Kräfte kehrten nur zum Theile zurück. Meine Pferde waren durch die starken Märsche bald kraftlos geworden, und der grün abgemähte Roggen hatte nicht hingereicht, den täglichen Aufwand an Kraft // S. 52// wieder zu ersetzen. So hatte ich denn schon lange vor der Schlacht von Mosaisk kein einziges meiner Pferde mehr, mit denen ich über den Niemen gegangen war. Ein russisches Cosakenpferd war mein Dienstpferd geworden, und Bedienter und Bagage wurden von russischen Bauernpferden getragen.
Achtes Capitel.
In dem Dorfe Elnia war ich in einem Hause zusammen mit 8. andern verwundeten{654} Officieren. Unser Lager war der Boden, mit Stroh bestreut, das von den Dächern genommen war. An Lebensmitteln war Mangel für Kranke, für Verwundete passende fehlten, nur Brühe von schlechtem abgetriebenem Fleisch wurde gereicht, und etwas von diesem Fleische selbst, selten ein erträgliches Brod. Die Medicamente fehlten beinahe ganz. Meine Kopfwunde bannte mich durch die Betäubung, die sich nach den ersten 36. Stunden eingestellt hatte, ganzer{655} 7. Tage auf das Lager. Meine Leidensgenossen, mehr oder minder schwer verwundet, erfüllten das Zimmer mit ihrem Gestöhne, und raubten mir bey Nacht den wenigen Schlaf, den ich in meiner Betäubung etwa noch gefunden hätte. Am 16. Sept[em]b[e]r wurde der Spital 1. Stunde weiter vom Schlachtfeld weg in das Edelmannshaus zu Selsokaraszin verlegt. Hier fanden wir alles geräumiger, die Kranken konnten abgesondert, den //S. 53// Verwundeten hellere, freundliche Zimmer eingeräumt werden. Ich, von meiner Betäubung befreyt, ward zu den leichter Verwundeten gezählt, und erhielt mit dem Lieutenant v[on] S...{656} ein Zimmer, das ganz erträglich gewesen wäre, wenn es nicht zerbrochene Fenster gehabt hätte. Dieser Uebelstand aber brachte uns um die Ruhe der zweiten Hälfte der Nächte, und nur mit Mühe gelang es, uns der eindringenden Kälte zu erwehren. Den Tag brachten wir theils vor dem Ofen sizend und das Feuer unterhaltend, theils mit Besuchen anderer Verwundeten{657} hin, die von ihren Wunden auf das Lager gefesselt waren. Manche heitere Stunde verbrachten wir bey dem Ober-Lieutenant v[on] H., der zwar einen Fuß, mit ihm aber nicht seinen Frohsinn und seinen leichten Muth verloren hatte.{658} Oft verkürzte ich mir die Zeit mit Abfassung eines Tagebuchs, das ich indessen später bey Seite legte, noch öfter aber war mir mein Stubengenosse durch seine endlose Geschwätzigkeit zur Last. Die Verpflegung war im Ganzen sehr ärmlich, doch gelangten nach der Einnahme von Moskau bisweilen auch einige bessere Lebensmittel zu uns. Hier verblieben wir bis zum 5. October, als wir durch eine Parthie sogenannter Bauerncosacken in Allarm gesetzt wurden. Im ersten Augenblicke herrschte natürlich Verwirrung, doch stellte sich die Ordnung bald wieder her, und jeder bewaffnete sich // S. 54// gegen den Angriff so gut es ihm seine Wunde erlaubte. Der
Lärm hatte jedoch keine weiteren Folgen. Indessen wurde für gut gefunden, das Schloß zu räumen, um unsern frühem Spital wieder zu beziehen. Da aber die Unterkunft gar zu enge und armselig, und namentlich größere Verbreitung des Spital-(Nerven-)Fiebers zu besorgen{659} war, so konnte unseres Bleibens hier nicht seyn. Die Nachricht, daß jenseits des Schlachtfeldes in der Entfernung von 1 1/2. Stunden ein bis dahin von unserm Cheveauxlegers-Depot besetztes, nun aber verlassenes, gutgebautes Dorf liege, veranlaßte den Spital-Commandanten,{660} dasselbe besichtigen zu lassen. Mir, als dem Rüstigsten der Reconvalescenten, ward hiezu der Auftrag. In Begleitung eines Chevauxlegers verließ ich frühe Morgens den 6.ten den Spital. Bald erreichte ich das Schlachtfeld, zuerst einzelne Leichen, darauf ganze Haufen. Kaum fand mein Pferd Raumes genug für seine Tritte, oft mußte ich über die Leichname wegreiten. Die nächste Anhöhe war die Redoute, welche den linken Flügel der Russen deckte.{661} Manches Leben war hier verloren worden, bis der Kampf über ihren Besitz entschieden war. Ohne Aufenthalt setzte ich meinen Weg zwischen den Todten fort. Immer grausiger wurde der Anblick. Bald gelangte ich zur Schanze, die ungefähr im Mittelpuncte des Schlachtfeldes gelegen war. Dichter und immer dichter // S. 55// lagen die Gefallenen, und aufgethürmt lagen sie um die so oft genommene und wieder genommene Position. Die Gräben waren vollständig mit Menschen ausgefüllt. Hier hatte die württembergische Infanterie den härtesten Strauß zu bestehen gehabt, und hier traf ich hunderte von Leichen in württembergischen Uniformen.{662} Die Höhe dieser Schanze gewährte den Ueberblick über den grösten Theil des Schlachtfeldes. Furchtbar hatte{663} Schwerdt und Geschoß gewüthet. Menschen und Thiere waren auf alle erdenkliche Art verwundet und verstümmelt, noch waren in den Gesichtern der gefallenen Franzosen die verschiedenen Leidenschaften zu erkennen, in denen sie der Tod überrascht hatte, Muth, Kühnheit, Kälte, gräßlicher Schmerz, bey den Russen höchste Erbitterung, Gefühllosigkeit, Stumpfheit. Treflich war die Position der Russen gewesen, und nur der grösten Anstrengung der Franzosen und ihrer Allirten konnte es gelingen, den tapfern Feind aus so vortheilhafter Stellung zu vertreiben. Die zahllose Menge der Leichen gab aber auch zur Genüge kund, daß hier ein ernstes Spiel gespielt worden war, und daß hier der Tod eine unermeßliche Erndte gehabt hatte. Lange hielt der grauenvolle Anblick mich gefesselt, und tief prägte sich mir die furchtbare Scene ein. Noch im spätesten Alter werde ich ihrer nur mit Schaudern gedenken. Schaudernd vor dem gräßlichen Schauspiel wendete ich meinen Blick ab, und er fiel auf ein hölzernes Kreutz in // S. 56// der Mitte der Schanze, das ich zuerst übersehen hatte. Ich näherte mich ihm, und las folgende Inschrift:
Çi git
Le General Montbrun
Passant de quelque nation,
que tu sois
Respecte ses cendres,
Ce sont les restes dun de plus Braves
Parmi tous les Braves du monde,
Du General Montbrun.
Le M[arechal] d’Empire, Duc de Danzig{664},
lui a érigé ce foible monument.
Sa memoire est dans tous les cœurs
de la grande Armée
Hier also hatte mein guter freundlicher General seine Ruhestätte gefunden, der Mann, der herablassend{665} und gütig gegen seine Untergebenen, so tapfer als der Tapferste{666} gewesen war, der dem Tode hundertmal in das Auge geschaut, der alle seine Grade auf dem Schlachtfelde errungen, und das seltene Glück gehabt hatte, nie verwundet zu werden. Hier lag der kräftige, blühende Mann! // S. 57//
Ich riß mich los, ich hatte genug gesehen. Schnell durcheilte ich den übrigen Theil des Schlachtfeldes, und nach einem scharfen Ritt von einer Stunde gelangte ich zu dem mir bezeichneten Dorfe. Schon hatten sich wieder einzelne Bewohner eingefunden, und scheuen Blickes hatten sie mein Treiben beobachtet. Es war mir die gröste Vorsicht empfohlen für den Fall, daß ich Bewohner im Dorfe finden sollte, denn schon war es allgemein bekannt, daß einzelne Soldaten aufgehoben und ermordet werden. Nachdem ich die Lage des Dorfes und die Bauart der Häuser gemustert hatte, und die
Bewohner von ihren Schiebfenstern verschwinden sah, trat ich meinen Rückweg an, und sezte ihn vorsichtig und durch das Gehölz, das ich zu passiren hatte, nicht ohne Eile fort. Auf dem Schlachtfelde hielt ich mindere Vorsicht und Eile für nöthig, aber auch hier traf ich auf Bauren, die Waffen aufraften und abschoßen. Möglichst wich ich ihnen aus, und mit einbrechender Nacht hatte ich mein Dorf Elnia wieder erreicht.
Mein Bericht über den Erfolg meiner Sendung brachte den Spital-Commandanten vor dem Gedanken einer Verlegung des Spitals in das von mir besichtigte Dorf zurück.97 Dagegen faßte er den Entschluß, zuerst die schwer Verwundeten und Kranken nach Gziat zurückzuschicken, und dann mit dem übrigen Theile des Spitals nachzufolgen, wenn sich für ihn eine passende Unterkunft fände. Mich traf abermals der Auftrag für beides // S. 58// zu sorgen. War mir der erste Auftrag lästig gewesen, so war mir der zweite sehr bedenklich. Indessen konnte ich diesen zweiten Auftrag so wenig ablehnen, als den ersteren.
Mit Tagesanbruch begab ich mich in Begleitung meines Chevauxlegers auf den Weg. Auf der grosen Heerstraße begegneten mir von Zeit zu Zeit Haufen Reconvalescirter, die der Armee nachzogen, und sich wunderten, wie ich allein die Strasse zu ziehen wagen könne. Auf einer französischen Poststation, bestehend aus ein paar Häusern, die gegen plötzliche Überfälle mit Pallisaden verwahrt waren, wurde mir erzählt, daß die Straße nach Gziat für Einzelne sehr gefährlich zu passiren sey, und kein Tag vergehe, wo nicht Soldaten ermordet werden. Man rieth mir daher, für heute nicht weiter als bis zum nächsten Dorfe zu gehen, das etwa 3. Stunden entfernt, in der Nähe des grosen Waldes liege, durch den die Straße führt. Dort kam ich mit einbrechender Nacht an, und traf in mehreren Häusern beysammen etwa 100. französische Soldaten, denen jeder neu ankommende Bewaffnete willkommen war. Abends um 8. Uhr fanden sich einige Flüchtlinge ein, die aussagten, daß ein Transport polnischer Kranker und Verwundeter, von Mosaisk herkommend, zwischen hier und der letzten Poststation von einem Trupp Bauern-Cosacken angefallen, und grösten Theils niedergemacht worden sey. Wie sehr diese Nachricht unsere Besorgnisse vermehrte, läßt sich // S. 59// leicht denken, allein in der hiesigen Nacht war nichts anderes zu thun, als zu bleiben, wo wir waren. Doch gieng die Nacht ruhig vorüber; des andern Tages setzte ich meinen Weg mit meinem Begleiter fort, und gelangte durch den 3. Stunden langen Wald, ohne irgend einen Unfall, glücklich nach Gziat, wo meine glückliche Reise das gröste Erstaunen meiner Landsleute erregte. Mit dem dortigen Spitalcommandanten hatte ich bald einige passende Häuser aufgefunden, und des andern Tages Nachmittags kam der erste Transport unter guter Bedeckung ohne Unfall hier an. Zu vollständiger Ausführung meines Auftrags sollte ich den folgenden Tag auf meinem gefahrvollen Weg wieder zurückkehren, aber der bestimmte Befehl des Commandanten eines gerade angekommenen württembergischen Marschbataillons{667} (aus reconvalescirten Officieren und Soldaten der Infanterie bestehend), der mich gewißem Untergang nicht entgegen gehen lassen wollte, hielt mich zurück. Ich schloß mich also an das Marschbataillon an, und setzte mit diesem den Weg gegen Moskau, anfänglich auf einer Seitenstraße, fort. Am 10.ten schlugen wir wieder die grose Heerstraße ein, und trafen in Mosaisk den übrigen Theil des Spitals von Elnia, der, statt nach Gsziat zurück, vorwärts nach Moskau zog. Hier wurde ich zu meinem grosen Leidwesen zu dem Spital förmlich commandirt. Abends den 16. October in Perkuszkowo, 6. Stunden von Moskau, angelangt, kam der Befehl, uns wieder zurück zu ziehen, und den Spital // S. 60// in Wiasma oder Smolensk zu etabliren, weil die grose Armee Moskau verlassen habe. Nichts desto weniger gieng das Marschbataillon noch nach Moskau, mir aber war es trotz meines Gesuchs um Entlassung von dem Spital nicht vergönnt, die alte Hauptstadt der russischen Czarn zu sehen.
Mißmuthig trat ich den Rückweg an. Die Tag-Märsche waren klein, aber der vielen Defileen wegen beschwerlich. Bey Mosaisk brachten uns Bauerncosacken in Allarm. Als wir bey dem grosen Kloster{668} in der Nähe des Schlachtfeldes ankamen, hatte die Besazung desselben so eben einen Angriff von Bauerncosaken abgeschlagen. Ich hatte die Arrieregarde des Convoy, und stack mit vielen Wägen in einem Defilee; hätten sie einen Angriff auf mich gemacht, so wäre ihnen zum mindesten die Wegnahme unserer Wägen geglückt. Am folgenden Tage ermordeten sie einen französischen Courier und 1. Chasseur{669}, die vorausgeeilt waren, als wir noch eine Viertelstunde von der französischen Poststation entfernt waren. Von dieser Station an waren wir bis Gziat immer von ihnen umschwärmt, und einzelne Officiere und Soldaten, wenn sie nur 100. Schritte sich von der Avantgarde entfernten, büßten{670} ihre Unvorsichtigkeit mit dem Leben.
Am 26. October waren wir in Gziat angekommen, und am 30. hatten wir Wiasma erreicht. An diesem Tage bedauerten wir den Verlust zweier französischer Adjutanten, sehr artiger // S. 61// Leute, die in geringer Entfernung vom Zuge, von Bauerncosacken grausam ermordet wurden, ehe es uns gelang, sie ihren Händen zu entreissen. Zwischen Semlewo und Dorogobusz, am 3. November, holten uns die ersten Flüchtlinge der Armee ein, und brachten die Kunde von dem Rückzug der grosen Armee, und der beginnenden allgemeinen Auflösung. Am 5.ten kamen wir in Dorogobusz an, und am 9.ten erreichten wir Smolensk. In der Nähe von Moskau hatte unser ganzer Zug aus einigen 100. Mann, darunter etwa 50. waffenfähige, bestanden. Von Tag zu Tag vergrößerte sich unsere Zahl, denn jeder Einzelne fand es gerathener mit dem grosen Haufen zu ziehen, dessen Vertheidigungsmittel täglich bedeutender wurden. Nach wenigen Tagen hatten wir Generale und Officiere aller Grade mit uns, und Soldaten von allen Waffengattungen. Wenige vollständig bewaffnet, mehrere noch mit einer einzelnen Waffe versehen, die meisten unbewaffnet, keiner, der sich nicht mit irgendeinem Beutestück schleppte, vom geringsten Fetzen bis zum kostbarsten Shawl, vom elenden Stück Schaaffell bis zum feinsten Pelz, vom armseligen Bauernwägelchen bis zur Staatscaroße, Je kräftiger noch der Soldat war, desto besser war er noch bewaffnet, desto weniger aber mit Beute beladen. Der Infanterist bediente sich auch hier noch seiner Füsse, der Cavallerist ritt entweder ein russisches Konji (Bauernpferdchen) oder fuhr er{671} mit mehreren // S. 62// zusammen in irgend einem Fuhrwerk, oder trieb er103 wenigstens sein kraftloses Konji so lang es noch gehen wollte, mit seinen Waffen behängt, vor sich her. Wie die Waffengattungen bunt gemischt waren, so waren es die Nationen, man sah ausser den Franzosen und Deutschen aller Völkerschaften, noch Pohlen, Spanier, Portugiesen, Italiener, Dalmatier, Illyrier p.p. Immer beschwerlicher wurde der Marsch, immer seltener die Lebensmittel; am 5.ten hatten uns schon viele Flüchtlinge ein- und überholt, und noch am nemlichen Tage waren wir mitten in dem grosen Rückzug. Die Kranken und Verwundeten wurden, so gut es sich thun ließ, in Smolensk untergebracht, und mein Spitaldienst hatte ein Ende.
Schon zu Ende Augusts war die Witterung rauher geworden. Waren gleich die Tage noch warm, so wurden doch die Nächte kühl. Im September waren sie kalt geworden. Indessen war der Himmel bis zum 7. Nov[em]b[e]r heiter geblieben, und die Winde nicht rauher, als sie in Deutschland um diese Jahreszeit zu seyn pflegen. Aber am 8.ten Nov[em]b[e]r trat plötzlich der Winter ein. Ein heftiger Nordostwind brachte Schneegestöber und empfindliche Kälte, die so schnell zunahm, daß sie schon am Tage darauf beinahe unerträglich geworden war. So währte sie fort bis zum 12. Nov[em]b[e]r, wo sie Abends wieder nachzulassen begann. // S. 63//
Die Wege waren durch das viele Fuhrwerk schon während der guten Witterung schlecht geworden. Mit dem Eintritt der Kälte und des Schnees wurden sie zwar wieder besser, allein die endlosen Züge von Fußgängern, Reitern, Wägen aller Art, hatten sie bald so abgeglättet, daß der Fußgänger nur mit Anstrengung vorwärts kam, der Reiter sein Pferd nur mit groser Mühe durch die Defileen hindurch brachte, und tausende von Wägen in den Defileen, aus denen sie die kraft- und beschlaglosen Pferde nicht mehr herauszuziehen vermochten, zurück gelassen werden mußten.
Für meine eigene Person hatte ich mir von den Vorrathwägen immer Lebensmittel zu verschaffen gewusst. Bald aber waren diese erschöpft, und nun gelang es mir nur selten, Mundvorrath um theures Geld zu kaufen. Ausgehungert und halb erfroren kam ich in Smolensk an. An Weißzeug und wärmerer Kleidung fehlte es mir gänzlich. Mein Bedienter war mit 2. Pferden und meiner ganzen Bagage auf die Aussage einiger Soldaten, daß ich in dem großen Walde bey Gsziat aufgehoben und ermordet worden sey, mit einem Zuge Verwundeter gegen die Beresina zurückgegangen.
Neuntes Capitel.
In Smolensk traf ich mehrere Offiziere meines{672} bald nach dem Abzüge der // S. 64// Armee aus Moskau gänzlich aufgelösten Regiments, an die ich mich anschloß. Wir hatten uns zusammen in ein leeres Haus einquartirt. Die Heizung lieferten benachbarte Häuser, die abgebrochen wurden. Die Lebensmittel wogen wir beinahe mit Gold auf. Hunger herrschte unter uns, und Kummer über unser ferneres Schicksal. Von unsern Pferden, die kein Obdach fanden, giengen einige durch die Kälte und Hunger zu Grunde, und andere wurden uns bey Nacht gestohlen, wogegen denn freilich unsere Leute Repressalien brauchten. Ich selbst verlor durch Frost und Hunger von 4. Pferden 2. Eine gute Trotschke105, die ich, als sie von ihrem Besitzer bey Wiasma verlassen wurde, mit meinen Pferden bespannt hatte, mußte ich wegen Kraftlosigkeit derselben, und bey der Unmöglichkeit, sie in dem allgemeinen Gedränge weiter zu bringen, schon 3. Tagmärsche vor Smolensk wieder stehen lassen. Vier Tage blieben wir starr vor Kälte und gedachten die Stadt nicht eher zu verlassen, als bis der Kaiser abzog. Mit der Truppe, die er zu seiner Begleitung erwählte, glaubten wir am sichersten unsern
Weg fortsetzen zu können, und wenn wir auch gerade hier am wenigsten auf Lebensmittel rechnen durften, so waren wir schon entschlossen, im schlimmsten Falle uns mit Pferdefleisch zu begnügen.
Die Stadt Smolensk bot nur noch einen Haufen von Trümmern dar. Keine Nacht vergieng, ohne daß mehrere Häuser in Rauch aufgiengen. Nicht Ein Einwohner war in der Stadt zu finden, alle hatten ihrem Wohnorte // S. 65// den Rücken gekehrt. Uebrigens ist die Lage der Stadt auf dem Berge und am Abhange des Berges gegen den Dnieper hin romantisch, und auf dem entgegen gesetzten Ufer erhoben sich die Berge in gleicher Höhe gegen den Fluß hin mit Wohnungen bebaut, in geringer Entfernung von tiefen Schluchten durchschnitten.
In dieser Stadt, hatte es früher geheissen, würden wir Lebensmittel in Fülle, und was ebenso Noth that, ein frisches Corps von 40,000. Mann finden. Grausam fanden wir uns getäuscht. Nicht Ein tüchtiges Regiment war da, nur von Ueberbleibseln der grosen Armee war die Stadt während unseres dortigen Aufenthalts bevölkert.
Der schrecklichen Kälte wegen verschoben wir unsere Abreise von Smolensk so lange als möglich. Endlich am 13. November, den Tag nach dem Abmarsch der Garden des Kaisers, traten auch wir den weiteren Rückzug an.{673} Der erste Tagmarsch gieng ohne Unfall vorüber. Der zweite war minder glücklich. Grose Schaaren von Kosacken begleiteten die unordentliche Masse zu beiden Seiten und benützten jede Gelegenheit, die das Terrain darbot, uns mit Kanonenfeuer zu begrüßen, und durch Angriffe uns zu schwächen. In Krasnoy trafen wir das kaiserliche Hauptquartier, das in der Nacht vom 15. auf den 16.ten von den Russen heftig, jedoch ohne bedeutenden Erfolg, angegriffen wurde, während wir 1/2. Stunde vorwärts bey Sarokino in banger Erwartung des Ausgangs bivouacquirten. Den 16. und 17. zogen wir durch Liady und Dumbrowna, und kamen am 18. über den Dnieper nach Orsza. // S. 66// Nach einem Ruhetag verfolgten wir, abermals von Kosaken heftig gedrängt, die Straße nach Minsk, und kamen den 22. in Bohr an, wo uns wiederum ein Ruhetag vergönnt war. Drey weitere Tagmärsche führten uns — am lezten, durch Borisow, in welcher Stadt wir die Straße nach Minsk verließen, und die gegen Wilna einschlugen, an die Ufer der Beresina, und hier schlugen wir in einem 1/2. Stunde vom Flusse entfernten Dörfchen unser Nachtquartier auf.
Die Trümmer der Armee zogen, jeder Einzelne nach seinem Belieben, auf der Straße daher. Manche suchten auf Nebenwegen Lebensmittel zu finden, einigen glückte es, die meisten büßten den Versuch mit Tod oder
Gefangenschaft. Bey Krasnoi hatten wir den noch kampffähigen Theil der Armee ein- und überholt. In Orsza waren wir wieder mitten in der Armee, ebenso in Bobr. An der Beresina drängte sich abermals alles zusammen. Tag für Tag hatten die noch vorhandenen Regimenter mit dem Feinde zu kämpfen, stündlich hatte die Arrieregarde die nachdrängenden Russen abzuwehren. Immer kleiner wurde der streitbare Theil der Armee. In Minsk hatte man das Ziel des Rückzuges zu finden gehofft, aber, ehe wir diese Stadt erreichen konnten, hatte sie der Admiral Tchitszakoff{674} genommen, und uns nach der Straße von Wilna hingedrängt. Nun baute man die Hoffnung auf die leztere Stadt.
Von Smolensk an hatte ich mit allen erdenklichen Gefahren, Mühseligkeiten und Entbehrungen zu kämpfen. Häufig war ich während des Marsches // S. 67// dem feindlichen Gewehr- und Kanonenfeuer ausgesetzt, einmal nahe davor, gefangen zu werden, in Orsza auf dem Puncte, in einem Hause zu verbrennen, und Tags vorher in Gefahr, im Dnieper zu ertrinken. Beym Abmarsche von Smolensk noch beritten, verlor ich am 16.ten in Liady mein gutes Kosakenpferd, das nicht weiter zu gehen vermochte. Meine Gefährten, die noch besser beritten waren, trennten sich von mir; und ich zog allein die Straße dahin. In Orsza hatte ich das Glück, 1. paar neue Bundstiefel zu erhalten, allein am folgenden Tag wurde mein leztes Pferd, ein Konji, mit meiner Armatur, mit meinem Mantel, mit meinen Lebensmitteln, beladen, nebst meinem Jäger gefangen.
Schon seit mehreren Tagen hatte mich das Pferd nicht mehr zu tragen vermocht. Nun war ich des besten Schutzmittels gegen die Kälte, meines Mantels beraubt. In Bobr erhielt ich zwar von einem württembergischen Officier, der mich nicht kannte, auf mein ehrliches Gesicht ein Anlehen von 2. Ducaten, und nachher noch 6. Ducaten aus der württembergischen Kriegs-Casse, allein das Geld schüzte weder gegen Frost noch Hunger. Am 24.ten ward mir der wunderliche, und unter damaligen Umständen ganz unausführbare Auftrag, die einzeln ziehenden Jäger des Regiments zu sammeln, und zusammen zu halten. Wohl glückte es mir, der ich zu Fuße war, manchen Jäger meinem Rufe folgen zu machen, so lange es Tag war, aber Abends, wenn das Nachtlager aufgeschlagen werden sollte, und ich selbst an allem Mangel leidend, keinem einen Bissen Brod, noch sonst // S. 68// etwas bieten konnte, zerstoben sie nach allen Richtungen. Ob ich gleich wußte, daß mir am andern Tage, wenn mir etwa der Major begegnete, ein Verweis von ihm bevorstand, so konnte und wollte ich dennoch nicht einmal einen Versuch machen, durch Befehl die Hungrigen bey mir zu halten. Vom 24.ten auf den 25.ten übernachtete ich in einem Heuschober, in den ich mich zum Schutz gegen die Kälte tief hineingrub. Die folgende Nacht brachte ich im Walde auf dem bloßen Schnee, ohne Feuer, zu, und wenn ich mich nicht von Zeit zu Zeit aufgerafft hätte, um mich durch Hin- und Herlaufen wieder etwas zu erwärmen, so wäre ich unfehlbar ein Opfer des Frostes geworden. Tags darauf wollte mir aber das Glück so wohl, daß ich einen mit 2. Schaaf-Pelzen versehenen Franzosen traf, der mir einen davon für 3. Ducaten abtrat; dieser glückliche Zufall gab mir neue Kräfte, und rascher setzte ich meinen Weg fort. Das Glück wollte mir am nächsten Tage noch besser, denn als ich mich einem Dörfchen näherte, begegnete mir ein württembergischer Officier, der mich mit der unschätzbaren Nachricht erfreute, daß dort mein Bedienter mit 2. guten Pferden und meiner Bagage so eben angekommen sey und nach mir frage. Eilenden Schrittes begab ich mich dahin, und fand es, wie der Officier gesagt hatte. Eine grösere Freude, als hier, habe ich in meinem Leben wohl nie empfunden. Nun war ich wieder gut gekleidet, und gut beritten, ich fürchtete die Kälte nicht mehr. Sogleich setzte ich mich in Marsch, obgleich hungrig, doch wieder erwärmt, und Abends // S. 69// suchte ich ein Nachtlager in einem Dorfe, wo ich in einem Hause beysammen einen Unter-Officier und etwa 15. Jäger meines Regiments traf, die gut beritten, wohl bewaffnet, bis dahin eine Seitenstraße gezogen, und nun wieder auf die Hauptstraße gestoßen waren. Sie hatten Ueberfluß an Schweinsfleisch und Honig, und ich war ihnen ein geehrter Gast. Nicht lange ließ ich mir zusprechen, hastig griff ich nach dem dargebotenen Fleisch, stillte den — seit beinahe 4. Wochen nicht mehr völlig gestillten Hunger gänzlich.{675} Hier an diesem Abend zog ich mir durch den unvorsichtigen Genuß des Schweinsfleisches und nachher von kaltem Wasser, einen Durchfall zu, der mich erst nach 5/4. Jahren wieder ganz verließ. Wohl wäre es mir besser gewesen, Hunger zu leiden, und wohl sah ich voraus, daß ich mir Schaden thun werde, allein so schlimme Folgen befürchtete ich doch nicht, und ich bin nicht gewiß, ob mich, wenn ich sie voraus, ja, wenn ich gewußt hätte, daß es mir unmittelbar den Tod bringe, ob{676} mich dieß, sage ich, abgehalten haben würde, mich wieder einmal satt zu essen, so sehr war ich ausgehungert. Am folgenden Tag gelangte ich mit meinen Jägern in das Dörfchen nahe an der Beresina, von wo wir den nächsten Morgen über die Brücke zu gehen gedachten. — Beym Abmarsch von Smolensk war ich nur auf 1. Tag mit Lebensmitteln, d[as] h[eißt] mit etwas Mehl versehen, schon am folgenden Tag war ich genöthigt, Pferdefleisch zu speisen, und wenn ich auch hin und wieder noch bessere // S. 70/ Nahrung fand, so war sie nur das Ueberbleibsel von andern, die mir aus Mitleid von ihrem wenigen etwas weniges boten, aber nie reichte es hin, mich zu sättigen. Selbst Pferdefleisch konnte ich nicht hinlänglich bekommen, es waren immer der Bewerber um das elende Gericht zu viele. Unter diesen Umständen war der Heißhunger sehr natürlich, mit dem ich über das angebotene Schweinsfleisch herfiel. — Die Witterung war während des Zuges von Smolensk bis zur Beresina sehr veränderlich. Als wir jene Stadt verließen, war die Kälte noch grimmig aber schon Abends wurde die Luft milder, und es trat ein Thauwetter ein, das einige Tage währte, und von heftigen Stürmen begleitet war. So bald aber die Luft wieder ruhiger ward, und der Himmel sich aufklärte, so kehrte die Kälte zurück, wenn gleich in geringerem Grade, als bey Smolensk. Nach 24. Stunden minderte sich die Kälte abermals, und blieb erträglich bis zu unserer Ankunft an der Beresina.
Die Wege waren meistens sehr schlecht, und vom Fußgänger mühsam zu begehen. Die vielen Defileen erschöpften die Kräfte der Pferde ebenso sehr, als der glatte Boden, und das Glatteis während des Thauwetters. Im Ganzen bot das Land weniger Schwierigkeiten dar, als zwischen Dorogobusz und Smolensk. In einigen Städtchen waren Einwohner zurükgeblieben. Die Mehrzahl bestand aus Juden, die aus dem Verkauf elender Nahrungsmittel, // S. 71// und dem Ankauf von Effecten{677} aller Art bedeutenden Vortheil zogen, während die christlichen Bewohner, weniger furchtsam, durch Plünderung oder Ermordung Einzelner, an dem unglücklichen Feinde sich zu rächen suchten.
Zehentes Capitel.
Bey dem Dörfchen Sembin, 15. Werste oberhalb Borisow, waren auf Befehl des Kaisers 2. Brücken zum Uebergang über die Beresina geschlagen worden, nachdem vorher diese Stelle dem Admiral Tchitsgakoff mit vielem Blute und großem Verlust abgekämpft worden war. Die eine der Brücken war für das Fuhrwerk, die andere für die Reiter und Fußgänger bestimmt. Schon am 27. Nov[em]b[e]r konnten beide Brücken passirt werden, aber das Verhängniß wollte, daß nur wenige den leichten und gefahrlosen Uebergang benüzten: Gleichwohl hatte sich am nämlichen Tage die ganze Masse der Armee, durch den nachrückenden Feind gedrängt, dem Flusse genähert. Am 28. Morgens um 1. Uhr begann endlich der Uebergang, indem dichte Massen
von Menschen und Fuhrwerk gegen die Brücken hinwogten. Die für das Fuhrwerk bestimmte Brücke war bald gebrochen, und obgleich mehreremal wiederhergestellt, schon um die MittagsZeit gänzlich unbrauchbar geworden. Niemand fand sich mehr, der sie // S. 72// aufs Neue reparirt hätte, jeder dachte nur an seine eigene Rettung. Unabsehbare Massen von Menschen, Pferden und Wagen wälzten sich der andern Brücke zu. Fürchterlich war das Gedränge, unzählige Menschen und Pferde wurden erdrückt, zertreten. Die Brücke war so schmal, daß nur 2.—3. Menschen nebeneinander sie begehen konnten. Schnell eilte, wer sie einmal erreicht hatte, vorwärts, aber nicht schnell genug für die Nachkommenden. Am Eingänge der Brücke suchten Gendarmen und Officiere Ordnung zu halten, aber fruchtlos war ihre Mühe gegen den immer stärker werdenden Andrang. Manche, die auf der Brücke weniger eilten, wurden von den Nachrückenden in das Wasser gestürzt. Viele wateten in den Fluß, um von hier aus die Brücke zu ersteigen, manche wurden durch Bajonetstiche und Säbelhiebe wieder zurückgestoßen, und manche büßten neue Versuche mit dem Leben. Gegen 1. Uhr Nachmittags verbreitete sich in der Menschenmasse der Ruf, die Kosacken kommen! Die lezten wurden ihre Beute, bis zur Brücke vorzudringen, lag ausser dem Gebiete menschlicher Möglichkeit. Aber dieser Ruf wirkte electrisch auf die ganze Menge, jeder suchte sich vorzudrängen, Massen von Reitern schloßen sich zusammen, und bahnten sich einen Weg über die Körper ihrer Kameraden. Am Eingang der Brücke hatte alle Ordnung aufgehört. Die Officiere und Gendarmen hatten sich vor der wüthenden Menge theils geflüchtet, theils hatten sie in ihrem Aufträge das Leben verloren. // S. 73// Viele Reiter suchten das jenseitige Ufer durch Schwimmen zu gewinnen, wenigen gelang es, die meisten giengen zu Grunde. Noch gräßlicher wurde der Kampf um den Uebergang, als die russischen Kanonen anfiengen, die Masse zu erreichen, und Tod und Verderben in derselben verbreiteten. Nun war es ein Kampf des Einzelnen gegen den Einzelnen, der Kräftigere trat den Schwächeren nieder, und blieb Sieger, bis er selbst einem noch Kräftigeren unterlag. Diese furchtbare Scene endigte sich erst mit dem Einbruch der Nacht, als eine Abtheilung französischer Pioniere auf dem jenseitigen Ufer einen Theil der Brücke abgebrochen hatte, und die zurückgebliebenen Menschen, Pferde, Artillerie, Wägen aller Art den indessen herangekommenen Russen zur Beute überließen.
Dieser Tag und die Jammer-Scenen desselben werden immer in meinem Gedächtnisse leben. Ich hatte einen harten Kampf zu bestehen. Früh Morgens um 3. Uhr brach ich mit meinen Jägern nach der Brücke auf. Ungeheuer war schon die Menschenmenge vor uns, eine noch grösere kam nach, und drängte uns vorwärts. Bald hatte ich meine Jäger verloren, nur mein Bedienter und der Quartiermeister Veihelmann des Regiments waren noch an meiner Seite. Das Gedränge wurde so heftig, daß ich gerne zurückgekehrt wäre, wenn sich mir eine Möglichkeit dazu gezeigt hätte. Gegen Mittag kam von hinten und der einen Seite ein gewaltiger Druck, eine grose Anzahl Menschen und Pferde wurden niedergeworfen, ich mit ihnen. Ich lag unter meinem Pferde, bereits // S. 74// fühlte ich die Tritte meiner Nachbarn schwer auf mir, und bereits hatte ich auf das Leben resignirt, als es endlich dem Quartiermeister gelang, mich unter dem Pferde hervorzuziehen, und seine und meine Anstrengungen brachten auch mein Pferd wieder auf die Beine. Ich bestieg es, und wir drängten auf's Neue vorwärts. Bald waren der Quartiermeister und mein Bedienter von meiner Seite gekommen, beide hatte ich aus dem Gesicht verloren. Der Kosakenlärm begann. Ich verzweifelte, in dem Gedränge die Brücke zu erreichen, und wendete mich gegen das Fluß-Ufer, um vielleicht von hier aus, wenn auch mit Zurücklassung meines Pferdes, die Brücke zu gewinnen. Bald aber ward ich durch einen abermaligen — von einer Schwadron gut berittener Officiere verursachten heftigen Stoß zu Boden geworfen, und vielfach gequetscht und zertreten. Ich hatte alle Hoffnung auf meine Rettung aufgegeben, niemand bot mir eine hülfreiche Hand. Plötzlich drängte sich ein sächsischer Küraßier vor, er reichte mir auf meinen Ruf die Hand, zog mich hervor, und half meinem Pferde wieder auf. Dankbar nannte ich ihn meinen Retter. Mein Plan, die Brücke vom Flusse aus zu besteigen, leuchtete ihm ein. Er drängte sich mit seinem grosen starken Pferde gegen das Ufer, warf vor sich nieder, was nicht ausweichen konnte, ich dicht hinter ihm her. Mit vieler Anstrengung erreichten wir den Fluß, Reiter waren keine da, die Fußgänger in geringer Zahl, der Kälte des Wassers wegen. Die Brücke war neben uns. Rasch sprang ich vom Pferde herab, und auf // S. 75// die Brücke hinauf, aber eben so schnell war ich zurück gestossen. Ein neuer Versuch gelang. Einige kräftige Säbelhiebe von der Hand meines Kürassiers machten mein Pferd auf die Brücke hinaufspringen, und im Trab führte ich es an das jenseitige Ufer. Hier wollte ich meinen Bedienten, den Quartiermeister und den biedern Kürassier erwarten. Die beiden ersteren kamen zu meiner höchsten Freude bald herüber, der Kürassier erschien nicht. — Als endlich die russischen Kanonen-Kugeln das diesseitige Ufer erreichten, und alles eiligst davon floh, zog auch ich weiter, den Kürassier sah ich nie wieder.
Ein groser Theil der Armee und das sämmtliche Material, mit Ausnahme weniger Kanonen, war an der Beresina verlorengegangen.{678} Es waren zwar lauter Kranke, Verwundete, Kraftlose, Unbewaffnete, aber eine Ruhe und Pflege von wenigen Wochen hätte ihre Kräfte wieder hergestellt, und sie hätten wieder eine kampffähige Armée gebildet. Alle, die das diesseitige Ufer erreicht hatten, kehrten eilig dem unheilvollen Flusse den Rücken, und zogen rasch Wilna zu.
Aber schon in der ersten Nacht nach dem Uebergang hatte sich der Himmel aufgeklärt, und es trat eine Kälte ein, die von Tag zu Tag zunahm, und einen Grad erreichte, der selbst in diesem Lande unerhört war. Die Straße führte über Zabin, Radeszkowice, Modziezno, Smorgonje und Oszmiana. In allen diesen Orten waren Besatzungen und grösere oder kleinere Magazine gewesen, aber auf die Kunde von den Unfällen der Unsrigen und der Annäherung der russischen // S. 76// Südarmée waren die ersteren nach Wilna zurückgerufen und die lezteren geleert worden. Nirgends waren mehr Lebensmittel zu treffen, die wenigen zurückgekehrten Einwohner litten selbst bitteren Mangel. Von der Beresina an war die Verfolgung von Seiten der Russen minder heftig gewesen, denn auch sie litten unendlich durch die furchtbare Kälte. Die Ueberbleibsel der Armée zogen sich so rasch, als Kälte, Hunger und Kraftlosigkeit gestatteten, Wilna zu, weniger vom Feinde gedrängt, als vom unbeschreiblichen Elend gedrückt. Die Einzelnen eilten der Armee möglichst voraus, und nahmen ihr die wenigen Lebensmittel, die etwa noch zu finden waren, weg. Schon am 6.ten Dec[em]b[e]r waren viele Flüchtlinge in Wilna angekommen, an den zwey folgenden Tagen war das Zuströmen so groß, daß nur von vorne ein Fluß, und von hinten der Andrang der Russen fehlte, um an den Thoren die Scenen von der Beresina zu erneuern. Am 9.ten aber wiederholten sich diese Scenen wirklich, als der russische Vortrab mit den Resten unserer Armée zugleich an den Thoren anlangte, und unter Morden und Plündern mit ihnen in die Stadt eindrang.
Von denjenigen, die das Glück gehabt hatten, das diesseitige Ufer der Beresina zu gewinnen, wurde eine grose Zahl zwischen diesem Flusse und Wilna durch die Kälte aufgerieben. Die kräftigsten Naturen unterlagen, wo es an Verwahrungsmitteln gegen die Kälte gebrach. Ich dankte täglich meinem Schöpfer dafür, daß er mir noch zu rechter Zeit die gröste Kostbarkeit in diesem Umständen, einen Pelz //S. 77// zugeführt hatte. In Begleitung des Quartiermeisters Veihelmann und meines Bedienten machte ich täglich so grose Märsche, als die Kräfte unserer Pferde uns gestatteten. Trotz unserer Mäntel und Pelze litten wir sehr von112 der Kälte, ungeachtet unserer Eile giengen wir an keinem Feuer, an keinem brennenden Hause vorüber, ohne uns zuvor erwärmt zu haben. Dieß erhielt unsere Lebensgeister. Unserer grosen Eile hatten wir es zu danken, daß wir beinahe überall noch so viel Lebensmittel fanden, als wir drey bedurften. Meine Diarrhoe wurde immer heftiger, und entkräftete mich gänzlich. Bald vermochte ich ohne Hülfe mein Pferd nicht mehr zu besteigen. Ich fasste daher den Entschluß, wenn ich Wilna erreicht hätte, dort zu bleiben.
In Radeszkowice trafen wir einen württembergischen Lieutenant mit einem Detachement, der die Reste seines Regiments abwarten wollte, zwey Tage nachher bey der Arrieregarde verwundet wurde, und in der darauf folgenden Nacht mit dem grösten Theile seiner Mannschaft auf dem Piquet erfror. Ein ähnliches Schicksal hatten 2. neu angekommene rüstige neapolitanische Reiterregimenter, die mir 2. Tagmärsche vor Wilna begegneten, aber schon 3. Tage darauf gröstentheils durch den entsetzlichen Frost aufgelöst worden, und zu Grunde gegangen waren. Eine Parthie russischer Infanterie, etwa 2,000. Mann, die an der Beresina von den Franzosen beym Kampfe um den Uebergang über den Fluß, gefangen worden waren, und nun gegen Wilna hin transportirt wurden, hatte ebenfalls gröstentheils das gleiche Loos. Nur wenige von // S. 78// ihnen erreichten Wilna, die meisten erfroren auf dem Bivouacq, viele, die aus Entkräftung oder vor Kälte erstarrt, nicht weiter zu gehen vermochten, wurden von ihrer Bedeckung niedergeschossen.
Am 7.ten Dec[em]b[e]r Vormittags kam ich mit dem Quartiermeister Veihelmann in Wilna an, mein Bedienter war auf einem Dörfchen, wo wir die lezte Nacht zugebracht hatten, aus113 Entkräftung gestorben.
Eilftes Capitel.
In Wilna fand ich mit vielen Württembergern eine Unterkunft in einem Hause, wo wir wenigstens gegen die gröste Kälte geschützt waren. Die Einwohner waren alle noch da. Es fehlte nicht an Lebensmitteln. Von der württembergischen Kriegs-Casse erhielten wir Geld, Vorschüsse, und die Officiere hatten ihren Sammelplatz im Lichtenstein'schen Caffeehaus. Ich versah mich mit Kappe, Handschuhen und Stiefeln von Pelz. Ich sammelte wieder einige Kräfte, und gab den Entschluß, in Wilna zu bleiben, auf. Meine 2. Pferde hatten sich ebenfalls wieder erholt. Die Cavallerie-Officiere sammelten sich um den General Grafen v[on] Normann, unter seiner Anführung wollten wir das russische Gebiet verlassen, und hatten wir erst einmal den Niemen hinter uns, so sollte es jedem freistehen, den weiteren Rückzug nach Gutdünken zu verfolgen.
Der General Normann hatte, die Schwierigkeiten erwägend, // S. 79// die mit unserem Marsche auf der großen Heerstraße verbunden seyn würden, mit unserer Zustimmung den Entschluß gefaßt, auf Seitenwegen nach Olitta hin zu ziehen, und zu diesem Ende hatte er einen Juden angeworben, der als Wegweiser dienen sollte. Eben darum aber, weil wir nicht mit der grosen Masse der Flüchtlinge ziehen wollten, hatten wir unsern Abmarsch von Wilna so lange als möglich verschoben, und verließen diese Stadt erst am 9. Dec[em]b[e]r Vormittags, wenige Stunden vor der Ankunft der Russen. Unser Weg führte meistens durch Waldungen auf ungebahnten Strassen, durch wenige Dörfer, deren Einwohner alle noch da waren, und uns mit Nahrungsmitteln versahen. Zweimal übernachteten wir und am dritten Tage Mittags erreichten wir ohne irgend einen Unfall das Städtchen Olitta, am Ufer des Niemen gelegen. Hier stärkten wir uns mit einem tüchtigen Glase Schnaps, und zogen denn feierlich über den gefrorenen Fluß mit Empfindungen des Dankes für unsere Rettung. So hatten wir uns114 als wir wenige Monate vorher diesen Fluß mit den grösten Erwartungen überschritten, die Rückkehr nicht gedacht, aber es war uns gut, daß wir davon nicht die leiseste Ahnung hatten, denn wer hätte Geistesstärke genug gehabt, solchem Ungemach, wie wir es so eben erduldet hatten, entgegen zu gehen? — Auf dem diesseitigen Ufer des Niemen, schon im Herzogthum Warschau, liegt ein Dörfchen, das uns recht erträgliche Quartiere bot, aber der Kälte und unserer Entkräftung nicht achtend, eilten wir, uns von dem unglückseligen // S. 80// Flusse zu entfernen, der die Reihe unserer Leiden eröffnet hatte. Noch am nämlichen Tage giengen wir bis Lieziskelli und an den zwey folgenden Tagen durch Szemno nach Kalvary, wo sich die Gesellschaft trennte, und jeder den Weg einschlug, auf dem er am schnellsten und besten fortzukommen hoffte.
Ehe ich aber weiter gehe, und meine Rückreise ins Vaterland erzähle, will ich noch einen Blick zurückwerfen auf den Rückzug aus Rußland, und ein allgemeines Gemälde desselben zu geben versuchen, denn von jetzt an zähle ich mich nicht mehr als ein Mitglied der grosen Armee, ich habe von ihr nichts mehr zu sagen, nur allein von mir als einem einzelnen Reisenden zu reden. Das Gemälde des Rückzuges will ich aber so geben, wie ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe, nur Thatsachen will ich schildern, deren Augen- oder Ohrenzeuge ich selbst war, und nur weniges will ich anführen, das ich von andern, jedoch glaubwürdigen Personen gehört habe.
Mit dem Abmarsch des Kaisers von Moskau beginnt der Rückzug. Dort fieng die Auflösung der Armee an; viele Regimenter hatte beinahe alle ihre Mannschaft, die Cavallerie, Artillerie, der [sic!] Train, ihre Pferde verloren.
Es fehlte an Magazinen, jeder war sich selbst überlassen, mußte selbst für seinen Unterhalt sorgen. Als die Armee Moskau verließ, hätte sie durch die indessen Genesenen wieder bedeutend stärker // S. 81// seyn sollen, statt dessen war sie um vieles schwächer geworden. Einige mehr oder weniger bedeutende — meistens unglückliche{679} Gefechte reichten hin, die Auflösung allgemein zu machen. Bey Dorogobusz stiessen die ersten Flüchtlinge zu uns. Sie waren alle in Moskau gewesen, dort hatten sie geplündert, dort hatten sie mitgenommen, was mitzunehmen war. Wir waren erstaunt über ihren Aufzug. Wenige waren ohne Waffen, die meisten nur mit Einem Waffenstück versehen, und war es auch ein Schießgewehr, so war es entweder unbrauchbar, oder fehlte dem Besitzer die Munition. Es waren keine Soldaten mehr, nur Marodeurs und Traineurs{680}, ohne alle Disciplin, mit einzelnen Monti- rungsstücken{681} behängen, aber reichlich bepackt mit wollenen Tüchern, Leinwand, seidenen Zeugen aller Art und Farben, Pelzen von Herren und Damen, Schlüpfern, Paladinen{682}, Krägen, Mänteln vom Zobelpelz herab, bis zum Schaafpelz, Hüten, Kappen und Mützen von allen Formen, Schuhen, Stiefeln, Stutzen und Reitermänteln, Küchengeräth von Kupfer, Messing, Eisen, Blech, von jeder Form, Haushaltungsgegenständen, wie Löffel, Gabeln, Messer von Silber, Blech und Eisen, zinnernen Tellern und Schüsseln, Gläsern und Bechern, Scheeren, Nadeln, Faden, Wachs p.p., kurz mit allen Gegenständen, die der Reisende zu Fuß und zu Wagen, der Handwerker, der Künstler, nur immer bedarf. Manche erschienen zu Fuß, und hatten ihre Beute schon verloren, oder weggeworfen, viele kamen zu Pferde, meistens // S. 82// auf elenden russischen Bauerpferden, andere auf Wagen, Troschken, in Chaisen{683} aller Art, in Staatskarossen. Mancher gemeine Soldat hatte zu seiner und der Bedienung seiner Pferde, zu Besorgung seiner 2. 3. 4. Chaisen und Karossen, andere gemeine Soldaten als Bediente angenommen. Dieß war der Aufzug, in dem sich uns die ersten Flüchtlinge zeigten. Diesen folgte täglich eine grösere Zahl. Mit diesem Volke, das sich seiner und seiner Leute Sicherheit wegen, an unser Detaschement angeschlossen hatte, zogen wir weiter. Alle Subordination120 hatte aufgehört. Wenn Feinde sich zeigten, so drängten sich die Elenden, wie Schaafe vor dem Wolfe, in einem Haufen zusammen, und überließen die Gegenwehr uns und andern, die noch nicht alles Ehrgefühl abgelegt hatten. War aber
der Feind wieder aus dem Gesicht verschwunden, so waren sie die vordersten und lautesten, und waren irgendwo Lebensmittel zu finden, so waren sie es, die solche den Bewaffneten, ihren Beschützern, weghaschten. Je weiter aber der Rückzug sich fortsetzte, desto mehr Truppen lösten sich auf, desto größer war die Zahl jener Unglücklichen. Täglich erschöpften sich viele durch die mühsame Fortbringung ihrer Beute, täglich blieben viele zurück, und fielen selbst als Beute in die Hände der Russen. Andere Klügere warfen bey Zeiten den Raub weg, ließen Kutschen und Wagen stehen, und suchten sich Waffen zu verschaffen. Lebensmittel hatten die wenigsten mitgebracht, nur um Geld und Geldeswerth drehte sich ihr Sinn, daher // S. 83// je weiter wir zogen, desto schwerer fanden wir unsern Unterhalt. Viele lebten von Zucker, und wenn dieser aufgezehrt war, von Pferdefleisch, oder Fleisch von gefallenem, zum Theil schon verwesendem Vieh. In einem Dorfe sah ich Franzosen, wie sie Vieh, das wahrscheinlich an einer Seuche gestorben war, aus einem Loche ausgruben, über dem Feuer rösteten, und mit gröstem Appetit verzehrten. Alle diese Drangsale vermehrte und erhöhte der Frost, der am 8. Nov[em]b[e]r eintrat. Nun wurden die eingepackten Kleidungsstücke hervorgezogen, und der ganze Zug glich einer Masquerade. Der Weg war ganz abgeglättet. Mühsam schleppte sich der Fußgänger auf dem schlüpfrigen Boden fort, mühsam giengen die Pferde, die längst beschlaglos waren. In jedem Defilee entstand die entsetzlichste Verwirrung. Hunderte von Wägen häuften sich, jeder suchte dem andern vorzufahren, keiner wollte Zurückbleiben, die armen Pferde wurden gräßlich mißhandelt, ein, zwey, drey und mehrere Defileen überwanden sie glücklich, endlich blieben sie stecken, und vermochten die Last nicht mehr herauszuziehen. Die Wägen, die nicht weiter gebracht werden konnten, wurden umgestürzt, zertrümmert, verbrannt, die Effecten geplündert, die Kanonen, wo möglich, ins Wasser versenkt, oft vernagelt, zulezt gerade zu121 stehen gelassen. Der Cavallerist trieb sein Konji mit dem Sattel beladen, mit der Beute behängt vor sich her, endlich blieb es stehen oder liegen, und nun diente es seinem Herrn noch zur Nahrung. Die Kraftlosen suchten irgend ein Feuer, ein Haus zu erreichen, // S. 84// und wenn sie sich etwas erholt hatten, und wieder weiter zu gehen vermochten, so wurde das Haus, um sich zuvor noch zu wärmen, angezündet, oder thaten dieß andere, die sich während des Marsches eine halbe Stunde lang wärmen wollten. Das NachtQuartier suchte man wo möglich in Dörfern zu nehmen. Jedes Haus mußte der Unglücklichen so viele aufnehmen, als der Raum gestattete, aber noch weit mehrere brachten die Nacht unter freiem Himmel zu, und zündeten oft, theils um sich zu wärmen, theils
aus Neid gegen ihre Kameraden das Obdach an, in dem sich leztere befanden, während diese das brennende Haus oft nicht verlassen wollten, sondern lieber aus Furcht zu erfrieren mit verbrannten. Solche Vorfälle wurden bald bekannt, und hatten zur Folge, daß der Stärkere immer dem Stärkeren sich anschloß, daß derselbe den Schwächeren aus den Wohnungen vertrieb, Schildwachen gegen diese, als gegen Feinde, ausstellte, daß oft um den kurzen Besitz eines Hauses lange Schlägereien, Mord und Todtschlag entstanden. Die Schwächeren, genöthigt, unter freiem Himmel zu campiren, suchten Holz zum Feuer zusammen, brachten, wo die Stärkeren nicht auf ihrer Hut waren, einzelne Theile der Häuser weg, deckten die Strohdächer ab, stahlen die Pferde, die Bagage ihrer Kameraden. Oft aber, sehr oft, vermochten sich diese Unglücklichen nicht mehr bis in die Nähe von Wohnungen zu schleppen, sondern blieben auf dem nächsten besten Platz liegen, und giengen da in der Nacht zu Grunde, oder wenn sie so glücklich gewesen waren, irgend // S. 85// ein verlassenes Feuer zu erreichen, so lagerten sie sich um dasselbe herum, und wurden, zu kraftlos, um Holz herbey zu bringen, und das Feuer zu unterhalten, des andern Morgens todt gefunden. Diese Leichen, fest gefroren, am Morgen von dem ersten Vorüberziehenden ausgeplündert, dienten dann als Sitze für die Nachkommenden, die stehen gebliebene Wägen zusammenschlugen, oder bespannte Wägen mit Gewalt Wegnahmen, und sich davon Feuer anzündeten. Viele schleppten sich schon halb todt an Feuer hin, streckten die Glieder, um recht bald zu erwärmen, in die Glut, und starben halb erfroren, halb verbrannt. Je länger der Rückzug währte, desto gräslicher war der Anblick der Flüchtlinge. In der furchtbarsten Kälte sah man Einzelne ohne Mantel, ohne Pelz, in leichten Fräcken, mit Nankinhosen{684} daherziehen, sah, wie der Frost auf sie wirkte, wie ihre Glieder nach und nach erstarrten, wie sie niederstürzten, sich wieder aufrafften, wieder stürzten, um nicht mehr aufzustehen. Der Mangel einer guten und zweckmäsigen Fußbekleidung kostete Unzähligen das Leben. Bey manchen waren durch die zerrissenen Schuhe oder Stiefel die nackten Zehen sichtbar, anfangs blutroth, dann erfroren — dunkelblau oder braun, endlich schwarz. Andere hatten die Füsse mit Lumpen, mit Lederstücken, Bast, Schaaf- oder anderen Fellen umwickelt, und diese retteten ihre Fußzehen, wofern sie wieder anderes Material zum Einwickeln für das durchgetretene fanden. Unzählige{685}, die so glücklich waren, ihr Leben durchzubringen, erfroren Hände, Füsse, Nasen, Ohren, sehr vielen fielen // S. 86// Finger, Zehen ab, anderen mussten dieselben, oft der ganze Arm oder Fuß abge nommen werden. Wie die Kälte Verheerungen anrichtete, ebenso that es der Hunger. Kein Nahrungsmittel war so schlecht, daß es nicht seine Liebhaber gefunden hätte. Kein gefallenes Pferd oder Vieh wurde verschmäht, kein Hund, keine Katze, überhaupt kein Aas, selbst Menschenfleisch, die Leichname der Erfrorenen und Verhungerten dienten oft den Uebrigen zur Nahrung. Es geschah sogar, daß Menschen zu Stillung des Hungers den eigenen Körper, Hände und Arme benagten. Aber nicht allein der physische Mensch litt das Unsäglichste, auch der geistige war von der Kälte in Verbindung mit dem Hunger angegriffen. Alles menschliche Gefühl war erstorben, jeder dachte und sorgte nur für sich, der Zustand seines Kameraden kümmerte ihn nicht. Gleichgültig sah er ihn todt niederstürzen, gefühllos nahm er auf seiner Leiche an dem Feuer Platz. Dumpfe Verzweiflung, tobender Wahnsinn hatte viele ergriffen, unter den grösten Verwünschungen gegen Himmel und Erde hauchten sie ihren Geist aus. Andere waren zu Kindern geworden, und giengen darum zu Grunde, wenn vielleicht ihre physischen Kräfte sie wohl hätten retten mögen. Wieder andere starrten in einem Stumpfsinn dahin, der sie das Rettungsmittel übersehen ließ, und gerade dem Untergang entgegen führte. Alle aber hatten wohl an ihrer geistigen Kraft — wenigstens für einige Zeit — Schaden genommen, und bey den // S. 87// meisten offenbarte sich dieß durch Gleichgültigkeit und Stumpfsinn. Der Soldat nannte es den Moskauer Tippei.{686}
Indem ich dieses Gemälde schliesse, habe ich nur noch beizufügen, daß ich darin keine zu grellen Farben gebraucht, daß ich die reine lautere Wahrheit gesagt, und daß ich übrigens bis jetzt, wo ich dieß schreibe, im Jahr 1828. in allen Schilderungen des Rückzugs, die mir vor Augen kamen, noch keine Uebertreibungen gefunden habe, ja daß ich überzeugt bin von der Unmöglichkeit, das Elend der Flüchtlinge gräßlicher zu malen, als es in der Wirklichkeit war.
Ich brauche nun wohl nicht mehr zu sagen, wie freudig unsere Empfindungen waren, als wir den Schauplatz unseres Unglücks, unseres Elendes verlassen hatten, und beginne daher, meine Rückreise ins Vaterland zu erzählen.
Zwölfies Capitel.
In Kalvary, am 13. Dec[em]b[e]r kaufte ich mit dem Ober-Lieutenant Grafen v[on] Graevenitz, und dem Ober-Lieutenant v[on] Maucler125 zusammen 2. Schlitten, die wir mit unsern Pferden bespannten, und auf deren einem Graevenitz und ich Platz nahmen, auf dem andern aber fuhren der kranke Maucler und der Quartiermeister Veihelmann. Als Kutscher und Bedienten hatten wir den Jäger Hoffmann angenommen, und die gleichen Dienste bey Mauders Schlitten // S. 88// versah der Jäger Sommer. Der Frost hatte seit 24. Stunden etwas nachgelassen, doch war er immer noch bedeutend genug. Am 14. Dec[em]b[e]r verließen wir Kalvary, schlugen den Weg nach Goldap ein, waren über Mittag in Krowikresly, bey einem Grafen v[on] Pusinsky, und erreichten Abends Wysztitten. Tags darauf gelangten wir nach Goldap in Ostpreussen. Bey meinen dortigen Bekannten fand ich eine herzliche Aufnahme. Meine Erzählungen von unsern Schicksalen erregten eine aufrichtige Theilnahme, und sie suchten nach Kräften uns unser überstandenes Ungemach vergessen zu machen. Aber auch sie hatten schwer gelitten von den Durchzügen der französischen Armee, und hatten manche und grose Verluste zu bedauern. Uns als Deutschen boten sie die brüderliche Hand, aber gegen die Franzosen hatte sich ihr Haß, der seit 1807. noch nicht erloschen war, auf's Neue und heftiger als zuvor entzündet. In Goldap legten wir unsere zerrissene, von Ungeziefer wimmelnde Kleidung ab, und verschafften uns von dem Rest unserer Baarschaft neue Kleider, reines Weißzeug. Von hier nahmen wir den Weg nach denjenigen Orten, wo unser Regiment vor dem Feldzuge eine kurze Zeit in Cantonnirung gestanden, und wo sich Graevenitz mehrere gute Bekannte erworben hatte.
Es waren dieß die Städtchen Angerburg und Rastenburg, besonders aber Rößel. In allen dreyen fanden wir eine ebenso gute Aufnahme, wie in Goldap, und wie hier, so machten wir auch in Rößel einen Ruhetag. Am 20. De- c[em]b[e]r setzten wir die Reise fort, und nahmen die Richtung nach Danzig, wo der Sammelplatz der Württemberger seyn sollte. // S. 89//
In Heilsberg waren wir sehr gut einquartirt bey einem Kaufmann Romann, und den folgenden Tag lernten wir in dem Bürgermeister von Wormditt und seiner Frau sehr wackere Leute kennen. Hier wurde uns der Rath ertheilt, jedenfalls über Elbing und Danzig zu gehen, und diesem Rathe folgend erreichten wir die letztere Stadt am 22. Dec[em]b[e]r bey später Nachtzeit. Tags darauf brachten wir in Erfahrung, daß der württemberg'sche Kriegs-Commissär Herdegen hier anwesend sey, und von ihm erhielten wir sofort zu unserer unaussprechlichen Freude aus der Kriegs-Casse ein Anlehen von 20. Louisdor, und zugleich die Nachricht, daß statt Danzig nunmehr die Festung Thorn an der Weichsel zum Sammelplätze für die Württemberger bestimmt sey. Wir verließen nun Elbing sogleich wieder, passirten am nemlichen Tage Marienburg, und kamen am 24. Dec[em]b[e]r Abends in Marienwerder an, wo wir bey Medicinalrath Burkhardt ein quartirt wurden, und wo wir den Christtag zubrachten. Die Ungefälligkeit des Wirths und seiner Frau verkümmerte uns den Ruhetag nicht wenig, und gerne traten wir am 26. Dec[em]b[e]r unsere Weiterreise an. Nach 2. Tagreisen, auf denen wir die Stadt Graudenz passirten, und an der Festung gleichen Namens vorbeykamen, trafen wir am 28. Dec[em]b[e]r in der Stadt und Festung Thorn auf dem rechten Ufer der Weichsel ein. Aber auch hier war unsers Bleibens nicht, und zwar zu unserer grosen Zufriedenheit, weil wir keineswegs Lust hatten, eine Belagerung, die wohl vorauszusehen war, auszuhalten, vielmehr nach der Rückkehr ins Vaterland uns sehnten. Nach einem // S. 90// Rasttage verließen wir Thorn wieder, und begaben uns 10. Stunden weiter nach Inowraclaw, ein Städtchen im Herzogthum Warschau, wo sich die aus dem Feldzuge rückkehrenden Württemberger sammelten.
In Ost- und Westpreussen, so wie im Herzogthum Warschau waren überall noch die Spuren zu finden, die der Durchzug der französischen Armee im Frühling und Anfänge des Sommers zurückgelassen hatte, nirgends aber waren sie so deutlich, wie in Ost-Preussen, und auch hier wieder am deutlichsten in dem nördlicheren Theile, weil die Disciplin immer gelinder wurde, je mehr sich die Armee der feindlichen Grenze, der Eröffnung des Feldzuges näherte. Wir trafen darum auch viel Elend in diesen Gegenden, und durften uns darum über die oft feindselige Begegnung der Einwohner nicht wundern. Gleichwohl waren es gerade die am härtesten Bedrängten, die uns am wohlwollendsten aufnahmen, und ich kann im Allgemeinen nicht anders, als das Benehmen der OstPreussen sehr loben. Ein Gleiches aber kann ich von den Westpreussen nicht rühmen, und zwey Häuser, in Wormditt und Graudenz — ausgenommen, muß ich sagen, daß uns überall Haß und feindselige Gesinnungen begegneten, die sich keineswegs scheuten, sich durch Worte kund zu geben. Im Warschau' schen unterschieden wir zwischen Adel und Volk, während der erstere uns grose Geneigtheit bezeugte, scheute uns, haßte uns das letztere.
Das Land von Goldap bis Elbing ist ziemlich, gegen den Nogat hin aber sehr fruchtbar. Es ist meistens flach und von einförmigem Aussehen // S. 91// nirgends befinden sich Puncte, die sich durch Lage und Umgebung einigermaasen auszeichnen. Die Niederungen von Elbing gelten als einer der fruchtbarsten Landstriche Preussens. Bey Graudenz fängt das Land an, wieder sandig zu werden, und bey Culmsee und Thorn bildet es eine eigentliche Sandwüste. In OstPreussen gleicht die Bauart der Dörfer der im Warschau'schen, doch sind jene etwas freundlicher und reinlicher als diese. Die Städtchen Heilsberg und Wormditt sind alt, aber nicht schlecht gebaut. Elbing ist eine beträchtliche, sehr gewerbsame, gut gebaute Stadt. Gegen diese Stadt hin haben die Dörfer ein gefälligeres und wohlhabenderes Aussehen, aber in der Niederung der Nogat und Weichsel übertreffen sie die schönsten und reichsten Dörfer von SüdDeutschland. Die Mauern und Häuser von Marienburg zeugen von hohem Alter der Stadt, dagegen ist Marienwerder weit neuer und mit geschmackvollen Gebäuden geschmückt. Graudenz ist alt, aber nicht übel gebaut, auch scheint es ziemlich gewerbsam zu seyn. Die in nicht groser Entfernung gelegene Festung steht auf einer Erhöhung, doch sind von der Strasse aus weder Werke noch Häuser bemerkbar; sie soll nur einige wenige Wohn-Gebäude enthalten, indem die Garnison, als die einzigen Bewohner des Platzes, in den Casematten liegt. Diesseits Graudenz, wo der Boden wieder unergiebiger wird, sind auch die Dörfer schlechter gebaut, die Wohnungen minder bequem und reinlich, bey Thorn sind sie wieder ächt polnisch. Diese Stadt selbst ist von nicht unbedeutendem Umfang, gut bevölkert, und //S. 92// sehr gewerbthätig, sie hat viele gut gebaute Straßen, und manche Häuser, die einer grosen Stadt zur Zierde gereichen würden. Das Städtchen Inowraclaw enthält neben vielen, nach polnischer Art gebauten Häusern, noch manche bessere Gebäude, die alle aus den Zeiten der preussischen Herrschaft herrühren. Im Ganzen gehört es zu den besseren polnischen Städtchen.
In diesem Orte sollte nach den Befehlen unsers Königs, der an die allgemeine Auflösung nicht glauben wollte, der Ueberrest der württembergischen Truppen gesammelt und geordnet werden, und bis zur Ankunft der Ergänzungsmannschaft verweilen, um dann vereint mit diesen126 wieder gegen den Feind zu marschiren. Die Generale sahen aber die Unausführbarkeit dieses Befehls wohl ein, und hatten darum schon früher einen aus ihrer Mitte mit dem Auftrag nach Stuttgart gesandt, den König über die wahre Lage der Dinge aufzuklären, und ihn wo möglich zu Zurückberufung der geretteten Truppen zu bestimmen. Dieß hatte denn auch den Erfolg, daß schon am 6. Jan[ua]r 1813. der Allen unausprechlich erfreuliche Befehl eintraf, die Offfciere einzeln so schnell als möglich ins Vaterland zurückzuschicken, die Soldaten aber unter der Aufsicht einiger Officiere in mäßigen Tagmärschen heimzuführen.
Während meines Aufenthalts in Inowraclaw, der vom lezten Dec[em]b[e]r bis zum 7. Jan[ua]r währte, hatte ich fortwährend mit Diarrhoe und Magenweh heftig zu kämpfen, die dagegen gebrauchten Mittel // S. 93// schlugen bey der allgemeinen Erschöpfung, an der ich litt, nicht an. Ich gehörte zu der Zahl derjenigen Officiere, die für sich heimkehren sollten, und gab nun meine Pferde unter die Aufsicht des Depot-Commandanten von unserem Regimenté, dem ich ein drittes schon in Rußland übergeben hatte, nahm von der Kriegs-Casse einige hundert Gulden auf, versah mich mit den nöthigsten Kleidungsstücken, und kaufte in Gemeinschaft mit dem Ober-Lieutenant Grafen v[on] Graevenitz eine polnische Pritschke{687} für unsere Reise. Als Bedienter sollte uns Jäger Hoffmann begleiten.
Dreyzehentes Capitel.
Voll der freudigsten Gefühle traten wir am 7. Jan[ua]r Morgens unsere Heimreise an. Unsere Pritschke war zwar nicht bedeckt, doch hatte sie die Bequemlichkeit, daß wir nach Gefallen darin liegen oder sitzen konnten. Die Bespannung erhielten wir auf jedem Etapenplatze von den bereitstehenden Bauernpferden. Wir nahmen den Weg über Pakosz und Pudewitz nach Posen, wo wir am 8.ten anlangten. Nach einem Aufenthalte von einigen Stunden setzten wir unsere Reise fort, und übernachteten am 9. in Fraustadt, der lezten Stadt im Herzogthum Warschau. Am 10. giengen wir über die Oder, passirten Glogau, wo wir Mittag machten, und erreichten über Sagan, Surau, Muskau, Hoyerswerde und // S. 94// Königsbrück schon am 12. Jan[ua]r die Hauptstadt des Königreichs Sachsen, Dresden. Hier ruhten wir zwey Tage aus, fuhren am 15. das Elbethal hinab nach Meissen, von dort über das Erzgebürge durch Freyberg, Chemnitz, Zwickau, nach Plauen im Voigtlande, durch Hof und Bayreuth nach Nürnberg, wo wir am 18.ten Jan[ua]r eintrafen. Den 19.ten kamen wir nach Ansbach, und am 20.ten nach Ellwangen, wo wir abermals einen Rasttag machten. Tags darauf giengen wir bis Gmünd, und den 23.ten nach Ludwigsburg, von da aber auf die uns vom Gouverneur gegebene Nachricht, daß alle aus Rußland zurückkehrenden Officiere bis zum lezten Jan[ua]r Urlaub hätten, und bis dahin im Lande hingehen konnten, wo sie wollten, noch am nemlichen Tage nach Stuttgart.
So war ich denn nach unzähligen Mühseligkeiten und Gefahren aller Art wieder im Vaterlande angekommen. In dem kurzen Zeitraum von 17. Tagen hatten wir eine Strecke von beinahe 300. Stunden zurückgelegt,128 und während dieser Zeit noch 3. Rasttage gemacht. Wir waren durch vieler Herren Länder gereist, und hatten überall eine mehr oder minder gute, nie eine schlechte Aufnahme gefunden. Aller Orten wurden wir angestaunt, als Wunder, die dem allgemeinen Verderben entronnen waren, überall hatten wir von den Schicksalen, dem Zustande der Armee, von unsern eigenen Drangsalen zu erzählen, aber, wie die Menschen nun einmal sind, wir fanden welche, denen unsere Erzählungen // S. 95// nicht gräßlich genug klangen, und die darum zweifelten, daß wir wirklich dem ganzen Feldzuge und Rückzuge in Rußland angewohnt hätten. Überall, wo wir es verlangten, erhielten wir Quartiere, theils in Gast- theils in Privathäusern, aber nirgends, Dresden ausgenommen, verweilten wir länger, als unsere erschöpften Kräfte uns geboten. Im Warschau'schen hatten wir nicht mehr über die schlechten Quartiere, wie im vergangenen Frühjahr zu klagen, denn wir hielten nur auf Etapen Plätzen an, und unsere Ansprüche waren überhaupt durch den Aufenthalt in Rußland geringer geworden. In Posen hielten wir uns einige Stunden auf, um die Stadt zu sehen, und noch einige Kleidungsstücke zu kaufen. Diese Stadt und Fraustadt sind die beiden grösten und bestgebauten Orte, durch die wir auf der Reise von Inowraclaw an durch das Grosherzogthum Warschau kamen. Beide Städte haben manche schöne Gebäude, und auch hier, so wie in Kosten und Smygel verläugnen sich die Wohlthaten der preussischen Regierung nicht. Ueberhaupt bemerkt man mit Vergnügen die zunehmende Wohlhabenheit und Reinlichkeit der Bewohner gegen die Grenzen Schlesiens hin. Ungerne sahen uns die Pohlen auf dem Rückwege, denn aus allen Umständen mußten sie abnehmen129, daß es, wo nicht für immer, doch für eine geraume Zeit zu Ende sey mit der französischen Herrschaft in Pohlen, und daß nun erst grose Drangsale ihrer warten. Gleichwohl bezeugten sie uns alle Teilnahme, und leisteten uns jede // S. 96// Hülfe, die wir billigerweise von ihnen erwarten konnten. Dieß war namentlich in Fraustadt der Fall.
Das Land von Inowraclaw bis an die schlesische Grenze ist eben, meistens sandig, aber nicht unfruchtbar, wie denn überhaupt dieser Theil von Pohlen zu den besseren gehört.
In Schlesien bemerkten wir bey den Einwohnern wohl eine heimliche Freude über das Unglück der grosen Armee, doch waren sie aller Orten zu artig, sie deutlich zu erkennen zu geben, vielmehr bezeugten sie uns viele Theilnahme, und manche waren so ehrlich, zu gestehen, daß wir dieselbe nur unserem gemeinschaftlichen Vaterlande, keineswegs aber unserer Verbindung mit Frankreich zu danken hätten. Nur in Glogau wären uns, troz der französischen Besatzung, beinahe Unannehmlichkeiten widerfahren, wenn wir, theils unserer selbst, theils der Nachkommenden wegen, nicht vorgezogen hätten, die ernstlich gemeinten Reden für Scherz und Unverstand zu nehmen. In den übrigen Orten, wo wir mit Einwohnern in Berührung kamen, vermieden wir daher jeden Anlaß zu politischen Gesprächen, und hatten wohl auch dieser Vorsicht das artige Benehmen unserer Wirthe mit zu danken. In der Stadt Glogau wollten wir uns, des eben erwähnten Vorfalls willen, nicht näher umsehen, und so weiß ich von den Festungswerken weiter nichts zu sagen, als daß sie mir auf der Oderseite besonders stark schienen. Die Straßen, durch die wir kamen, sind gut gebaut, // S. 97// zum Theil aber sehr enge. Die Stadt ist lebhaft, und die Einwohner scheinen ein munteres Völkchen zu seyn. Die mehrjährige französische Occupation hatte sie mit einem glühenden Hasse gegen die Franzosen erfüllt. Bey Neustädtel sahen wir Weinberge, die uns lebhaft an unser Vaterland erinnerten. Während um Glogau das Land eben ist, so erheben sich gegen Neustädtel einige Hügel, und von hier an verlieren sich die grosen Ebenen allmählig in ein hügelichtes{688} Land, bis gegen Hoyerswerda hin, wo die Landschaft ebener zu werden beginnt. Sagan, das lezte schlesische Städtchen, ist recht artig zu nennen. Der ganze Landstrich von Glogau bis hieher ist sehr bevölkert und wohl angebaut. Die Dörfer sind reinlich, und die Wohnungen zeugen von Wohlhabenheit der Bewohner.
Surau ist das erste sächsische Städtchen, das wir berührten. Es ist gut gebaut, noch besser aber ist Muskau, das eine gar freundliche Lage hat, und darum, und der Artigkeit unserer Wirthsleute wegen mir wohl im Gedächtniß blieb. Spremberg und Hoyerswerda sind geringere Städtchen, und scheinen ziemlich arm zu seyn. Dagegen ist Königsbrück wieder ein freundlicher Ort.
Bis daher hatten uns unsere Wirthsleute, bey aller Zuvorkommenheit, doch mit einer gewißen Aengstlichkeit und Scheu aufgenommen, die wir hauptsächlich ihrer Furcht vor Krankheiten, hauptsächlich vor dem Nervenfieber, mit dem sie jeden Zurückkehrenden behaftet wähnten, zuschrieben, und nebenbey auch dem Ekel vor der Unreinlichkeit, die gar viele der // S. 98// Rückkehrenden noch an sich trugen, und die auch noch an uns einigermaasen sichtbar war. Wir hatten uns darum vorgesetzt, neben der Pflege unserer Körper und der Besichtigung der Merkwürdigkeiten Dresdens, dort auch noch besondere Sorgfalt auf unsere und unserer131 Kleider- Reinigung zu verwenden.
Es ist eine schöne, breite, mit grosem Aufwand gebaute, steinerne Brücke, die von der Vorstadt über die Elbe zur Stadt Dresden führt. Wir nahmen, gröserer Bequemlichkeit wegen, dießmal unser Quartier auf unsere Kosten in einem der ersten Gasthöfe, wo wir spät Abends anlangten. An den zwey folgenden Tagen sahen wir uns in der Residenz um. Die Stadt ist sehr gut gebaut, die Häuser sind von Stein, die Straßen nicht sehr weit, doch noch nicht gerade enge, durchgängig reinlich gehalten. Ausser dem Königl[ichen] Schlosse enthält die Stadt noch viele pallastähnliche Gebäude, und mehrere schöne Kirchen, worunter sich die Frauenkirche besonders auszeichnet, die nach dem Modell der S[an]ct Peterskirche in Rom gebaut ist. Die Aussicht auf dem Thurme dieser Kirche ist ausgebreitet und äusserst malerisch. Mehrere Sammlungen verschiedener Art sind sehenswerth. Das sogenannte grüne Gewölbe mit der unvergleichlichen GemäldeGallerie blieb uns leider! verschlossen. Die Rüstkammer enthält eine grose Zahl von Waffen und Rüstungen aus allen Zeiten, und zum Theil von hohem Werthe. In der Niederlage von Meißner Porcellän war gerade ein ausgezeichnet schöner Service, der dem // S. 99// französischen Kaiser bestimmt war, zu sehen, und ausserdem war eine grose Menge treflich gemalter Vasen und anderer Service vorhanden. Gerne hätte ich den Meinigen ein Andenken mitgenommen, aber ich mußte meine Baarschaft zu Rath halten. An dem Brühlschen Pallaste ist der Brühlsche Garten gelegen, der mit vielem Geschmack und grosem Aufwande angelegt ist, und eine herrliche Aussicht auf die schöne und breite Elbe gewährt. Die Oper, die wir aufführen sahen, befriedigte sowohl durch den Gesang als die Musik meinen Reisegefährten ausnehmend. Die Lage Dresdens an dem schiffreichen Flusse ist äusserst romantisch, und übertrifft wohl jede der andern Residenzen Deutschlands. Die Bewohner sind ein gutmüthiges, artiges, abgeschliffenes Volk, dem Vergnügen und den Zerstreuungen sehr ergeben. Sie nahmen sich die düstere Zukunft, die vor Deutschland lag, noch nicht sehr zu Herzen. In unserem Gasthofe waren wir gut genährt und bedient, hatten es aber auch bey unserer Abreise theuer zu bezahlen.
Wie wir von Königsbrück aus mit132 Postpferden nach Dresden gekommen waren, so reisten wir auch wieder von da ab nach dem nächsten Etapenplatze, Meissen. Der Weg dahin führt durch das Elbethal hinab, dem rechten Ufer entlang. Eine herrlichere, reichere Landschaft hatte ich nie gesehen. Das Thal auf beiden Seiten durch bedeutende Hügel geschlossen, // S. 100// diese mit den schönsten Baumgärten und Weinbergen bedeckt, das Thal reich besäet mit lieblichen Dörfern und Landhäusern, die Straße topfeben und treflich unterhalten, die Bewohner gut gekleidet, wohl genährt, Zufriedenheit im Gesichte, alles dieß machte einen wunderlieblichen Eindruck auf mich, und versetzte mich in die heiterste Stimmung. Vier Stunden lang führt der Weg durch dieses sächsische Paradies.
Schon ferne von Meißen gewahrt man das dortige uralte Schloß, die Stammburg und einst der Wohnsitz der Markgrafen von Meißen, auf einem hohen Vorsprung des Erzgebirges gelegen. Eine theils steinerne, theils hölzerne bedeckte Brücke führt über die Elbe, und in das Städtchen Meissen, das an dem Berge angebaut, von ferne sich gut ausnimmt, und nicht schlecht gebaut ist. In dem Schlosse befindet sich seit vielen Jahren die berühmte Porcellanfabrik, die, ihre Erde aus einer Entfernung von etwa 10. Stunden beziehend, ihre Producte zwar theuer hält, dagegen durch die Trefflichkeit der Masse{689}, der Glasur und der Malereÿ alle Fabriken der Art in Deutschland weit übertrifft. Mit grosem Interesse nahmen wir die ganze Anstalt in Augenschein, und zur Erinnerung an unser Hierseÿn kauften wir uns beide eine Kleinigkeit.
Von Meissen aus führte uns der Weg auf das Erzgebürge. Hier nimmt die Natur einen rauheren Character an, und // S. 101// während der Sachse des platten Landes von den Erzeugnissen seines Bodens mehr oder weniger in Wohlhabenheit lebt, so ist der Bewohner des Erzgebürges von der kargen Natur genöthigt, seinen Lebensunterhalt durch den harten Bergbau, und die nicht minder harte Fabrikarbeit sich zu erwerben. In allen Städten, in allen Dörfern finden sich Fabriken, und das Aussehen der Bewohner zeugt von der Unzuträglichkeit ihrer Beschäftigung für die Gesundheit. Die Farbe der Bergleute ist eben so düster, wie der Ort ihrer Thätigkeit. Indessen herrscht auf dem Erzgebürge viel Leben, und Handel und Wandel ist im Schwünge. Wie im übrigen Sachsen, so sind auch hier die Menschen zuvorkommend und gastfreÿ.
Das nächste Städtchen, in das wir von Meissen aus kamen, ist Noßen, das sich durch nichts auszeichnet, als ein grosses altes Schloß. Freÿberg, wo wir das Nachtquartier nahmen, die berühmte Bergstadt ist nicht unbeträchtlich, gut gebaut, aber nicht stark bevölkert. Es hat134 ein groses schönes Schloß. In der Nähe dieser Stadt befinden sich mehrere Bergwerke, wir nahmen uns aber nicht Zeit, eines derselben zu besichtigen, so sehr wir es auch gewünscht hätten. Chemnitz ist eine bedeutende und lebhafte Handels- und Fabrikstadt, und hat viele schöne Gebäude. Das Dorf Oberlungwitz zieht sich mit 2. Reihen Häuser in einem sehr engen Thaïe 1 1/4. Stunde weit hin. Das Städtchen Lichtenstein // S. 102// mit seinem Schlosse hat eine romantische Lage. Zwickau, die lezte Stadt im sächsischen Erzgebürge, treibt viel Handel, und besitzt ebenfalls mehrere Fabriken. Die Stadt ist sehr lebhaft.
Nun hatten wir das Voigtland erreicht, ein nicht weniger thätiger und fabrikenreicher Landstrich als das sächsische Erzgebürge, der einen Theil eben dieses Gebürges ausmacht. Reichenbach ist ein recht artiges Städtchen. Plauen ist alt, nicht beträchtlich, mit einem grosen Schlosse.
Am 17. erreichten wir das bayrische Gebiet. Die Zuvorkommenheit und Gastfreiheit der Sachsen verliert sich von Plauen an nach und nach in das derbere, weniger gefällige Wesen der Bayern.{690} In Hof, einer nicht unbeträchtlichen Stadt, vermißt man das gute Sachsenland noch nicht so sehr, aber schon 4. Stunden weiter, in Münchberg, wird man gar deutlich gewahr, daß man Sachsen verlassen hat. Zwischen Hof und Münchberg erblickt man zur Rechten die hohen Häupter des Fichtelgebirges, aber nun gelangt man wieder in ein flacheres Land. Zu Bayreuth fanden wir im goldenen Anker ein gutes Nachtquartier. Unsere Ankunft daselbst erfolgte so zeitig, daß wir das Theater noch besuchen konnten. Die Gegend um Bayreuth hat viele schöne, wohlhabende Dörfer, und die Stadt selbst ist gut gebaut, und wohl bevölkert. // S. 103// Hilpoltstein ist ein schlechtes Städtchen, aber das nahe Schloß, auf einem einzeln stehenden hohen Felsen gelegen, giebt der Lage ein romantisches Ansehen. Am 18. Abends kamen wir in Nürnberg an. Wir erhielten unser Quartier im Reichsadler, wo wir am Wirthe und seiner Frau recht gefällige Leute fanden. Auch hier verkürzten wir den Abend durch den Besuch des Theaters, und nachher noch durch die Unterhaltung mit unsern Wirthsleuten. Am folgenden Morgen verwendeten wir einige Stunden zur Besichtigung der grosen alten, ehemals so reichen, noch immer aber wohlhabenden Stadt. Die Lage ist eben, und nur in der Ferne erblickt man Gebirge. Ansbach ist eine recht hübsche Stadt mit einem grosen schönen Schloße. Wir hatten hier unser Quartier bey dem Regierungsrath Schnitzlein, und lernten in ihm und seiner Familie{691} artige Leute kennen. Ich besuchte da einen ehemaligen Arbeiter meines Oncles Riegelbach, Namens Scheuermann, den ich zu der Zeit, als ich das Gymnasium in Stuttgart besuchte, wohl kennen gelernt hatte, und der über meine unerwartete Erscheinung sehr erstaunt und erfreut war. —
Der 20. Jan[ua]r war der Tag, wo137 wir das Vaterland wieder betraten. In Ellenberg, dem ersten württembergischen Orte, ward vor dem Wirtshaus Halt gemacht, und in [sic!] vaterländischem Weine dem Vaterlande ein Hoch gebracht. In Ellwangen rasteten wir einen Tag. Unsere Aufnahme hätten wir uns nicht besser wünschen können. Alles beeiferte // S. 104// sich, uns unsere Leiden und Mühseligkeiten durch Zuvorkommenheit und Gefälligkeit vergessen zu machen. Am 22.ten setzten wir unsere Reise nicht weiter als bis Schwäbisch Gmünd fort, wo wir ein Quartier bey Kaufmann Mayer erhielten, und Abends nach gut württembergischer Sitte zu einem Glase Wein giengen. Daß wir allein hier das Wort führten, und von allen Anwesenden mit Fragen bestürmt, führen mußten, bedarf wohl keiner Versicherung.
Den folgenden Tag giengen wir, wie schon gesagt, über Ludwigsburg nach Stuttgart.
Arm und blos kam ich hier an mit zerrissenen Kleidern, ohne Geld. Meine sämtliche Equipirung138 war verloren, von 10. Pferden, die ich nach und nach gehabt hatte, waren 8. zu Grunde gegangen. Mehrere 100. Gulden Schulden waren das Einzige, das ich zurückbrachte. Durch die Reise von Inowraclaw nach Stuttgart hatten sich meine körperlichen Kräfte beinahe völlig erschöpft, dagegen hatte sich mein geistiger Zustand merklich gebessert, und ich durfte hoffen, bey einiger Ruhe jene bald zurückkehren zu sehen. Zwar litt ich noch immer an Diarrhoe und Magenschwäche, allein beide Uebel hatten von ihrer Heftigkeit vieles verloren, und wenn sie auch nicht so schnell gänzlich zu beseitigen waren, so hinderten sie doch nicht die allmählige Wiederherstellung meiner Kräfte.
Am 24.ten Jan[ua]r einem Sonntage, meldeten wir uns in Stuttgart bey dem König und dem KronPrinzen und bey der Generalität. // S. 105// Auf der Parade wurde ein groses Avancement publicirt, bey dem auch mir ein Theil zufiel, indem ich zum OberLieutenant befördert wurde. Nachdem ich noch meine Verwandten besucht hatte, reißte ich Abends 5. Uhr mit Extra- Post nach Tuttlingen ab, um meine Mutter und meine Geschwister zu besuchen. Mit groser herzlicher Freude ward ich von ihnen empfangen, aber sie lasen auch aus meinem ganzen Aussehen meine seitherigen Schicksale. Ich ward auf's beste verpflegt, und wenn mir ein längerer Aufenthalt vergönnt gewesen wäre, so hätte sich wohl meine Gesundheit bald wieder vollständig hersteilen mögen. Während der 5. Tage, die ich in Tuttlingen zubrachte, ward ich nicht nur um die Erzählung meiner eigenen Schicksale von Verwandten und Bekannten fortwährend bestürmt, sondern es fand sich auch theils aus der Stadt, theils aus der Umgegend täglich eine Menge Leute ein, die von mir Nachrichten über Verwandte und Freunde zu erhalten hofften, und von denen wenige getröstet, die meisten ohne Trost wieder von mir giengen. Mein Jäger Hoffmann, den ich in der Eigenschaft eines Bedienten nach Tuttlingen mitgenommen hatte, ward in allen Wirthshäusern, deren er viele besuchte, theils von den Wirthen, theils von den Gästen zechfrey gehalten, wenn er von dem russischen Feldzuge, hauptsächlich aber von dem Rückzuge erzählte. Am 30. Jan[ua]r verließ ich Tuttlingen wieder, und traf am 31. in Ludwigsburg ein. // S. 106//
Ueberall im Lande war der russische Krieg und der Rückzug das Tagesgespräche, und noch lange bildeten die Schicksale der ganzen Armee so wie der Einzelnen die einzige Quelle der Unterhaltung. Aller Orten fanden die Zurückgekehrten die regste Theilnahme, jedes Herz wurde weich bey der Erzählung der unerhörten Leiden. Es war Niemand, der uns nicht zur Belohnung eine lange Ruhe gegönnt hätte, allein die Zeit-Umstände wollten es anders.